
Vieles davon ist freilich von überschaubarem Erkenntniswert. Eines der wenigen wirklich nahrhaften Bücher zum November 1989 hingegen hat nun Stefan Aust, der langjährige Chefredakteur des Hamburger Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" vorgelegt. Es heißt schlicht "Deutschland, Deutschland" (damals gab es ja noch zwei davon) und nennt sich im Untertitel "Eine Expedition durch die Wendezeit".
"Der Ostblock war grau und langweilig"
Mit einer an nahezu Alexander von Humboldt gemahnenden offenen Neugierde dem verwandten Fremden gegenüber bereisen Aust und seine Kamerateams von "Spiegel TV" in jenem Wendejahr zwischen November 1989 und Dezember 1990 ihr Südamerika, nämlich die sich ans Sterben machende Deutsche Demokratische Republik. Und zwar, wie Aust offen einbekennt, vorerst ohne all zu großes Animo und unbelastet von überreicher Kenntnis des Forschungsgegenstandes: "Es waren Expeditionen in ein unbekanntes Land. Kaum jemand von uns war in den vergangene Jahren häufiger in der DDR gewesen... der Ostblock war grau und langweilig, eine politische Realität, die man zur Kenntnis nahm, aber irgendwie ausblendete."
Was sich freilich mit Beginn der Revolution in Deutschland Ost schlagartig änderte. Zeitweilig hatte "Spiegel TV" mehr Journalisten in der untergehenden DDR als die öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF zusammen. Was Aust und seine Kollegen dabei erlebten, ist nun in den 60 chronologisch angeordneten Reportagen nachzulesen, aus denen "Deutschland, Deutschland besteht".
Der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg endete
Weil es im Wesentlichen Reportagen sind, die (auch) das Entstehen von Fernseh-Reportagen beschreiben, lernen wir dabei nicht nur über die DDR, sondern auch etwas über Journalismus.
Etwa gleich am Anfang, der Nacht des Mauerfalls. "Dies ist der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende geht... Es war Donnerstag, der 9. November 1989, als ich diese Zeile in meine Schreibmaschine tippte... Im Fernsehen lief die Zusammenfassung eines Fußballspiels. Die ARD hatte den Beginn der (Nachrichtensendung) Tagesthemen verschoben, um die Sendung nicht zu unterbrechen..." beschreibt Aust den vorerst nicht übertrieben aufgeregten Modus, in dem die öffentlich-rechtlichen TV-Journalisten das Jahrhundertereignis angingen.
Tatsächlich hatten die Leute von "Spiegel TV" damals oft die Nase vorne, etwa als sie jene legendäre Szene filmten, als eine DDR-Bürgerin einen Grenzer dazu überredete, sie einmal kurz unter dem Brandenburger Tor durchgehen zu lassen.