• vom 30.07.2010, 13:45 Uhr

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Update: 30.07.2010, 13:46 Uhr
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"Weiter lesen, wenn die Bomben kommen"

Bachmann, Ingeborg: Kriegstagebuch


Von Petra Rathmanner
  • Über Ingeborg Bachmanns wiederentdecktes "Kriegstagebuch" aus dem Jahr 1945.

"Das ist der schönste Sommer meines Lebens, und wenn ich hundert Jahre alt werde", notiert die damals 18-jährige Ingeborg Bachmann in ihrem Kriegstagebuch. 24 Buchseiten umfassen Bachmanns nun bei Suhrkamp veröffentlichte Notate aus dem Jahr 1945. Die wenigen Seiten zeichnen dennoch ein berückend authentisches Stimmungsbild. In den letzten Kriegstagen spricht aus den persönlichen Aufzeichnungen die Angst vor dem, was kommen mag: "Rechnen darf man nur mehr mit dem Schlimmsten". Zugleich ist subversiver Widerstandsgeist und erstaunlicher Mut in diesen Zeilen spürbar, wenn sich die junge Autorin etwa weigert, Schutzgräben zu schaufeln, oder sich nicht mehr in den Bunker treiben lässt, wegen der "schlechten Luft" und der "stumpfen, stummen Massen". Lieber sitzt sie in einem Sessel im Garten und liest. "Ich habe mir fest vorgenommen, weiter zu lesen, wenn die Bomben kommen."

Unmittelbar nach Kriegsende bestechen die Eintragungen durch unbändige Aufbruchstimmung ("es ist eine herrliche Zeit") und entlarvende Bachmannsche Beobachtungsgabe, die vorführt, wie sich die Menschen auf dem Land, wie sich die NSDAP-Mitglieder der ersten Stunde jetzt den Alliierten anbiedern.

Die junge Frau sorgt zudem für Klatsch im Kärntnerischen Vellach: Bachmann verliebt sich in den britischen Besatzungssoldaten Jack Hamesh, einen Wiener Juden, dem 1938 die Emigration gelang: "Ich werde mit ihm zehnmal auf und ab durch Vellach und durch Hermagor gehen, und wenn alles Kopf steht, jetzt erst recht". Einen Teil des Bands machen elf hinterlassene, zwischen 1946 und 1947 datierte Briefe von Hamesh an Bachmann aus, in denen er ihr seine Liebe gesteht und seine Heimatlosigkeit offenbart, die ihn auf Umwegen nach Palästina führte, wo sich seine Spur verliert.

Ingeborg Bachmanns wiederentdecktes "Kriegstagebuch" aus den letzten Monaten der NS-Diktatur ist in zweierlei Hinsicht aufschlussreich: es illustriert die schriftstellerische Entwicklung einer späterhin weit über die Grenzen ihrer Heimat bekannten Autorin - und es erweist sich als außergewöhnliches Zeitdokument, als Stimmungsbild einer desillusionierten, orientierungslosen Generation, die sich von der Welt ihrer Eltern lossagen musste.

Ingeborg Bachmann: Kriegstagebuch. Mit Briefen von Jack Hamesh an Ingeborg Bachmann. Herausgegeben von Hans Höller. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 108 Seiten, 15,80 Euro.



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