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Update: 09.01.2012, 15:00 Uhr
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Über Laurent Binets literarische Rekonstruktion des Lebens und Wirkens von Reinhard Heydrich.

Binet, Laurent: HHhH. Himmlers Hirn heißt Heydrich


Von Uwe Schütte

"Dieser Heydrich ist ein sehr gefährlicher Mann", urteilte Hitler nach seiner ersten Begegnung mit Reinhard Heydrich: "Seine Gaben muß man der Bewegung erhalten. Dazu eignet sich seine nichtarische Abstammung ausgezeichnet. Er wird uns ewig dankbar sein, und wird blindlings gehorchen."

Information

Laurent Binet: HHhH. Himmlers Hirn heißt Heydrich. Roman. Übersetzt von Mayela Gerhardt. Rowohlt Verlag, Reinbek 2011, 448 Seiten, 19,95 Euro.

Der Führer behielt Recht: Als getreuer Vasall von Heinrich Himmler machte Reinhard Heydrich im Dritten Reich eine musterhafte Karriere, die von der Leitung der Spionagebehörde des Reichssicherheitshauptamts bis zur Herrschaft als Reichsprotektor von Böhmen und Mähren führte. Im Juni 1942 starb er in Prag bei einem Attentat.

Unter den vielen, allzu vielen Schreibtischtätern des Nationalsozialismus gebührt Heydrich in erster Linie jedoch die zweifelhafte Ehre, als Cheforganisator der sogenannten Endlösung der Judenfrage in die Geschichte einzugehen. Der Historiker Robert Gerwarth legte im Siedler Verlag fast zeitgleich mit dem französischen Schriftsteller Laurent Binet ein Buch über Heydrich vor. Die wissenschaftliche Biografie sowie das Buch von Binet erreichen einen Umfang von knapp 500 Seiten, könnten aber gegensätzlicher kaum sein in ihrem Versuch, ein Porträt dieses gewissenlosen Karrieristen und ein Bild seiner Zeit zu zeichnen.

Niemand Geringerer als W.G. Sebald hat ja festgestellt, dass man in der Literatur über den Holocaust nicht direkt fabulierend schreiben kann, sondern durch die Miterzählung der Recherche den subjektiven Konstruktionsprozess des Erzählwerks offen legen muss. Laurent Binet macht genau das, indem er sein Buch in eine Vielzahl von zumeist kurzen Bruchstücken zersplittert und von seiner sich langsam entwickelnden Obsession mit dem Thema berichtet, über Erfolge und Rückschläge schreibt, dann wieder historische Fakten referiert oder frei erfundene Episoden aus dem Leben von Heydrich berichtet.

Auch aus seinen eigenen Schwächen macht Binet kein Geheimnis, so etwa, dass er zwar acht Jahre Deutsch an der Schule gelernt hat, aber dennoch keinen Text in der Sprache der Nazis lesen kann, obwohl sein Interesse an Heydrich eine jahrelange Recherche in Gang setzte. Dafür zwingt ihn dies wiederum zu Notlösungen, die neue Erkenntnisse bringen.

Einen Meilenstein im literarischen Umgang mit der Shoah sollte man von diesem Debütroman nicht erwarten, auch wenn der 1972 als Sohn eines Historikers geborene Binet sogleich den angesehenen Prix Goncourt für das Buch bekommen hat.

Auf höchst lesenswerte Weise führt er dennoch vor, wie im Prozess einer Nachforschung das Bild der Vergangenheit sich zusammensetzt, nämlich als eine immer unvollständige, nie völlig wahrheitsgetreue Annäherung an eine Wirklichkeit, die sich - wie insbesondere die Ausrottungspolitik der Nazis - in ihrer tatsächlichen Realität kaum rekonstruieren lässt. Eine wissenschaftliche Biografie hingegen erhebt einen solchen Anspruch ja zumindest implizit.

In dem bewusst nach dem Prinzip der produktiven Abschweifung komponierten Buch von Binet, das neben der Lebensgeschichte Heydrichs und den ungeklärten Umständen des Attentats auch den Geschichten der Attentäter nachgeht, sowie der als Vergeltungsmassnahme durchgeführten Ausrottung des Dorfes Lidice, wird gerade die vermeintliche Schwäche fehlender Chronologie zu einer Stärke.




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