
Der Schriftsteller saß wie jeden Morgen an seinem Schreibtisch und dachte nach. Er dachte sehr viel, aber nicht nur das, was er sollte. So schnell wie die Ideen kamen, verwarf er sie wieder, so blieb das Blatt Papier vor ihm leer. Wie sollte man einen brillanten Prosatext verfassen, wenn einem der Boden unter den Füßen wegbrach?
Vor ein paar Monaten hatte ein amerikanischer Investor den Altbau gekauft, in welchem der Schriftsteller, seine Frau und ihre zwei Kinder lebten. Kurz darauf begannen die Sanierungsarbeiten; daraufhin senkten sich in ihrer Küche und in ihrem Bad die Böden teilweise ab. Seitdem war es vorbei mit der Ruhe und Konzentrationsfähigkeit des Dichters. Statt sich, wie er sich jeden Morgen vornahm, "mit gesammelter Kraft in die Arbeit zu stürzen", maß er mindestens einmal täglich die Risse in den Wänden, steigerte sich mittels blühender Fantasie in Katastrophenszenarien hinein, spekulierte auf die Wohnung einer über hundert Jahre alten Frau im Nachbarhaus - ohne ihr etwas Schlechtes zu wünschen -, und entwarf in Gedanken immer skurrilere Briefe an den amerikanischen Investor, die er sofort wieder als Hirngespinste abtat.
Der Berliner Schriftsteller Jan Peter Bremer hat mit "Der amerikanische Investor" einen wunderbar komischen und anrührenden Roman über die Seelenpein eines Berliner Schriftstellers geschrieben, der allein zu Hause in seinem Zimmer etwas Vernünftiges produzieren soll, während seine Frau in der Welt draußen das Geld verdient und die Kinder in der Schule sind. Das Buch wurde mit dem Alfred-Döblin-Preis 2011 ausgezeichnet.
Dem Autor gelingt es, den Leser von Anfang an in die sprunghafte und in seiner Verzweiflung und Absurdität doch immer nachvollziehbare Gedankenwelt des Protagonisten hineinzuziehen; gleichzeitig wird die Monotonie seines Tagesablaufs spürbar: "Er sah auf sein Notizbuch hinab. Heute war nicht gestern. Heute war ein anderer Tag. Heute hatte er doch bereits einen Satz im Kopf gehabt, den er sich unbedingt notieren wollte. Einen fassbaren Satz, der einen tiefen Eindruck in ihm hinterlassen hatte. Nur wo war dieser Satz jetzt hin und was wurde in ihm erörtert? Hatte er diesen Satz selbst, aus eigener Kraft, geformt oder hatte er ihn aus einem fremden Mund empfangen?" Man ahnt, dass die Suche nach dem Satz noch länger dauern wird.
Schon unter normalen Umständen geriet der Schriftsteller leicht aus dem Gleichgewicht; dass jedoch seine Wohnung, die ihm Tag und Nacht Lebensmittelpunkt war, einsturzgefährdet sein sollte, erschien ihm nun wie eine Allegorie auf sein Leben. Stand er nicht selbst vor dem Abgrund? Nahmen seine Kinder und seine schöne, resolute Frau ihn überhaupt noch wahr? Waren seine sinnentleerte Existenz, seine traurige Miene und seine zwanghaften Handlungen nicht zu einer Belastung für alle geworden?