
Die Differenzierung in der talmudischen Auslegung - "Furcht, weil er getötet werden könnte, und Bangen, dass er andere töten könnte" - führt Burg zu Kernsätzen seines Buchs "Hitler besiegen - Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss": "Der Jakobische Kämpfer, der historische Jude, trägt Verantwortung für sich selbst und seine Ängste; seine Verantwortung erstreckt sich auch auf das Leben seiner Feinde und Gegner. Empfinden wir diese Verantwortung noch?... Wir behandeln ,sie´, als ob wir nie nach der brillanten Zusammenfassung der Tora durch Hillel den Älteren geschworen hätten: Was dir unlieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Uns war es verhasst, aber wir tun es, manchmal nur allzu freudig. Ist es ein Wunder, dass niemand mehr unser Freund sein will, wenn wir Enteignungen, ungerechte Verfahren an Militärgerichten, Misshandlungen, Straßensperren und Nahrungsmittelblockaden praktizieren und, was das Schlimmste ist, arabische Menschenleben verachten?"
Mit der Forderung, Israel müsse sich vom Holocaust lösen, wendet sich Burg nicht nur gegen dessen Instrumentalisierung zur Verteidigung einer inhumanen Politik, sondern auch gegen das reflexhafte Vergleichen eigenen Handelns mit dem der Nazis, zwecks der Verteidigung und des Verniedlichens des Ersteren. Israel, so Burg in einem Interview, sei mit einem missbrauchten Kind zu vergleichen, das zu einem gewalttätigen Vater wurde.
Avraham Burg zählt zu den schärfsten Kritikern des israelischen Politik. Seine Vorwürfe schmerzen deshalb besonders, weil sie von einem Intimkenner kommen, weil an Burgs Loyalität nicht zu zweifeln ist und weil seine Argumente ethisch tief im jüdischen Denken und in der jüdischen Religion verankert sind. Sein Vater war Vorsitzender der Nationalreligiösen Partei, er selbst unter anderem Berater von Schimon Peres, Vorsitzender der Exekutive der Jewish Agency und der Zionistischen Weltorganisation und Sprecher der Knesseth. Schaudernd zog er sich angesichts des grassierenden, derzeit vor allem von Außenminister Avigdor Lieberman verkörperten unverblümten Rassismus aus der Politik zurück. Nicht als Einziger, aber sehr spät. Das Negativ-Etikett "Post-Zionist", das in Israel als Ausgrenzung fungiert, wurde nicht zuletzt auf ihn gemünzt.
Sein Buch ist ein Schlüsselwerk zu den israelischen Fehlentwicklungen. Burg kritisiert nicht nur den (nicht ganz) neuen israelischen Rassismus, sondern auch einige für das israelische Selbstverständnis konstitutive Legenden und die "spirituellen" Mystizismen, welche zur Basis eines neuen Herrenmenschentums wurden und für die etwa der Name von Rabbi Yitzhak Ginzburg steht.
Polit-Schweinegrippe?
Schwer zu sagen, wann diese Fehlentwicklungen tatsächlich begonnen haben - jedenfalls lange vor Burgs Ausscheiden aus der Politik. Es ist allerdings auch sehr die Frage, wie weit sie spezifisch israelisch sind. Die Wahlerfolge eines H. C. Strache oder eines Berlusconi sind ja nur zwei jener Erscheinungen, die an eine Art von weltweiter politischer Schweinegrippe denken lassen, die in vielfältigen Maskierungen in immer mehr Ländern die demokratischen Systeme schwächt. Der Hinweis auf Israels Pech, unter besonders intensiver Beobachtung zu stehen, ist freilich keine Entschuldigung für unmenschliche Handlungen. Und die Aggressivität der Palästinenser schon gar keine für die, etwas anders geartete, eigene.
Unbedingt nötig ist hingegen der Hinweis, dass die Beobachtung auffallend intensiv dort betrieben wird, wo man sich gerne um die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte drückt und die Israel-Kritik oft verdächtig nach etwas anderem riecht.
Avraham Burg: Hitler besiegen - Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss. Campus Verlag, 280 Seiten, 23,60 Euro.