• vom 10.08.2009, 16:36 Uhr

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Update: 10.08.2009, 16:36 Uhr
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Andrea Camilleris amüsantes und informatives Lexikon über die Mafia

Camilleri, Andrea: M wie Mafia


Von Rainer Mayerhofer
  • Die Zettelbriefe des Mafiabosses und ihre heimlichen Botschaften.
  • Pointiertes Bild der Mafia in Sizilien.
  • Als der Mafia-Boss Bernardo Provenzano am 11. April 2006 in einem unauffälligen Schuppen in Montagna dei Cavalli, in der Nähe von Corleone, festgenommen wurde, fand die Polizei auch rund 200 kleine Zettel - Pizzini genannt -, mit deren Hilfe der Boss der Bosse mit der Außenwelt kommunizierte und seine Anweisungen gab. Der sizilianische Bestsellerautor Andrea Camilleri hat sich diese Pizzini vorgenommen und darauf aufbauend ein Lexikon der Mafia verfasst, das Spannung mit höchstem Informationsgehalt zu verbinden weiß.

Provenzano, 1933 in Corleone geboren und seit 1963 untergetaucht, war nach der Festnahme der Mafia-Bosse Toto Riina (1993) und dessen Schwagers Leoluca Bagarella (1995) zum obersten Mafia-Chef aufgestiegen. Obwohl er rund 50 Mafiamorde auf seinem Konto hatte, versuchte er nach den aufsehenerregenden Mafia-Anschlägen der 80er und frühen 90er-Jahre die sizilianische Verbrecherorganisation aus dem Scheinwerferlicht der öffentlichen Berichterstattung herauszuhalten. "Abtauchen" nennt Camilleri das in seinem Buch. Die Morde an den Richtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino im Sommer 1992 hatten dazu geführt, dass viele Sizilianer erstmals gegen die Mafia auftraten. Dem galt es entgegenzuwirken.

Uneinigkeit über Gewaltstrategie

Provenzanos Lebensgefährtin und die Kinder waren kurz vor dem Mord an Falcone nach jahrelangem Verschwinden wieder aufgetaucht. Offensichtlich wollte er damit klarmachen, dass er sich von der Gewaltstrategie des damaligen Mafiabosses Riina distanzierte. Fälschlicherweise hatten manche angenommen, dass die Familie nach Provenzanos Tod wieder heimgekehrt sei.

Provenzano, von dem der frühere Boss Luciano Liggio einmal gesagt hatte, er habe geschossen "wie ein Gott", aber das "Gehirn eines Huhnes", wusste sich in seinen Schreiben an die Untergebenen klar und deutlich auszudrücken. "Hiermit teile ich Dir das mit" hieß es in einem der Pizzinis, die über verschlungene Wege an die Adressaten gelangten. Drei bis vier Tage dauerte es, bis so ein Schreiben an den Betroffenen gelangte und eine Strecke von 20 Kilometern zurückgelegt hatte. "Im Grunde genauso lange , wie die staatliche italienische Post auch gebraucht hätte", fügt Camilleri beim Stichwort "System der Postzustellung" hinzu.

Mit dieser Art der Postzustellung entging Provenzano der Telefonüberwachung und verhinderte auch, dass die Postempfänger direkten Widerspruch einlegen konnten.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen waren die Polizeibehörden Provenzano aber auf der Spur. Zum Verhängnis wurde ihm letzten Endes ein ganz gewöhnlicher Müllsack, in dem sein Neffe Giuseppe Lo Bue frische Wäsche aus dem Haus der Lebensgefährtin Provenzanos, Saveria, trug. Die Polizisten, die in beschatteten, merkten, dass er an mehreren Müllcontainern vorbeifuhr und den Sack dann bei seinem Vater abgab, der wiederum Tage später diesen Sack bei einem weiteren Mittelsmann ablieferte.

43 Jahre lebte Bernardo Provenzano im Untergrund. Obwohl er in mehreren seiner Schreiben dem Empfänger wünscht, "dass ihn diese Nachricht bei bester Gesundheit findet. So wie ich das, Gott sei Dank, für den Augenblick von mir sagen kann", braucht er aber doch ab und zu ärztliche Hilfe. Ein Prostata-Operation wird in Marseille durchgeführt, wo er unter dem falschen Namen Gaspare Troia behandelt wird und das italienische Gesundheitssystem 1973,50 Euro für die präoperativen Untersuchungen bezahlen lässt.

Andrea Camilleri zeichnet aufgrund von Provenzanos Pizzinis ein übersichtliches und pointiertes Bild der sizilianischen Mafia.

Andrea Camilleri: M wie Mafia. Kindler Verlag, 223 Seiten, 17,40 Euro.





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