Die Lektüre des Klappentexts macht nicht gerade große Hoffnung: Von Adoption ist die Rede, vom Immigrantenmilieu der 1970er Jahre und vom italienischen Gastarbeiter - schwere Kost steht zu befürchten. Doch dann kommt man schon nach den ersten Sätzen aus dem Staunen nicht mehr heraus. So witzig, so anrührend, auf so kunstvolle Weise "schräg" ist schon lange nicht mehr von den Schwierigkeiten des Integrierens - in diesem Fall in eine neue Familie und in die Schweizer Gesellschaft - erzählt worden.
"Mein Vater hat mich für 365,- Franken von der Stadt gekauft. Das ist viel Geld für ein Kind, das keine Augen im Kopf hat. Ich habe das die Eltern möglichst lange nicht wissen lassen. Es ist nicht gut, schon in der Tür alle Hoffnungen zu zerstören, wenn man Tochter werden soll." Der kleine namenlose "Grünschnabel" hat natürlich Augen im Kopf, und was für welche! Die kindliche Perspektive, die die Schweizer Autorin gewählt hat, ist es, die dieses Buch so wunderbar macht. Der Blick der "Waisenhausgöre" auf die Welt ist einerseits von kindlicher Unschuld und Naivität, andererseits von einer Scharfsichtigkeit und Unverbrauchtheit, die alle Erwachsenen-Wahrnehmungen in den Schatten stellt.
Die Welt, welche die 1965 geborene und bisher nur durch einige Erzählungen hervorgetretene Monica Cantieni hier mit Kinderaugen und in vielen Dialogen entwirft, lappt fortwährend ins Skurrile, Phantastische, Absurde, ohne den Bezug zur harten Wirklichkeit zu verlieren. Sie ist bevölkert von allerlei seltsamen Gestalten, von denen vor allem der "Tat" genannte Großvater nachhaltig in Erinnerung bleibt.
Man meint, einen Hauch Hrabal und Oskar Matzerath zu spüren, und lauscht doch einer ganz eigenen Erzählweise, die dem Schelmenroman eine ausgesprochen hübsche Variante hinzufügt. "Ich bin nicht das große Los", erklärt die kleine Protagonistin über sich selbst. Dieser Roman ist es sehr wohl.
Monica Cantieni: Grünschnabel. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt/M. 2011, 240 S., 20,60 Euro.