In seinem neuen Roman blättert der britische Bestsellerautor Jonathan Coe ein Familienalbum auf, das heißt, er lässt seine über 70-jährige Ich-Erzählerin Rosamond kurz vor ihrem Tod anhand von 20 Fotos auf eine Tonbandkassette eine Familiengeschichte erzählen. Die Geschichte ist für Imogen bestimmt, die verschollene, blinde Enkelin von Rosamonds Cousine Beatrix, weshalb die Bild-Beschreibungen sehr detailgetreu ausfallen: "Ich möchte, dass du weißt, wie sie aussahen, die Menschen, die vor dir da waren, die Häuser, in denen sie gewohnt haben, die Orte, die sie besucht haben. Wenn du diese Dinge aufnehmen kannst, wenn du sie dir irgendwie im Geist vorstellen kannst, dann... nun, irgendetwas wirst du doch davon haben, hoffe ich. Du wirst einen Sinnzusammenhang haben, einen Zusammenhang, um die schwierigen Dinge, die schmerzvollen Dinge zu verstehen, die du am Ende hören wirst."
Die Geschichte dreht sich also um ein Familiengeheimnis - und einem solchen spürt man als Leser gerne nach; allerdings sind Alltagsfotos von fremden Menschen nicht unbedingt dazu prädestiniert, schnelles Interesse zu wecken. Coe schafft dies aber mittels seiner sympathischen Erzählerin, die trotz ihrer bescheidenen, zurückhaltenden Art mit unkonventionellen Wesenszügen überrascht. Schon bald ist man gespannt auf das nächste Bild und damit auf das nächste Kapitel aus einer Familiengeschichte, die weitaus mehr traurige als lustige Episoden enthält, was für den ansonsten ironisch-bissigen Erzähler Coe durchaus neu ist. Er hat sich diesmal ja auch ein Thema gewählt, das nicht viel Anlass für Ironie bietet, geht es doch in dieser Geschichte um Mütter, die ihre Töchter nicht lieben.
Als junges Mädchen weilt Rosamond im Haus ihrer Tante Ivy zu Gast und ist geschockt darüber, wie herzlos Ivy mit ihrer Tochter Beatrix umgeht. Später wird Beatrix ihre Tochter Thea eher als lästiges Anhängsel denn als Bereicherung ihres Lebens empfinden, Thea wiederum wird ihrer Tochter Imogen die nötige Liebe und Fürsorge vorenthalten. Ein Versagen der Mütter über drei Generationen hinweg also, beobachtet von Rosamond, die keine Kinder haben wird, weil sie mit einer Frau zusammenlebt. "Auf versteckte Weise ist dies ein Buch über gute Elternschaft", sagte Jonathan Coe in einem Interview.
Gewiss wäre die Protagonistin Rosamond eine gute Mutter geworden, was sie ja im Zusammenleben mit Thea beweist, dem kleinen Mädchen, das ihr Beatrix für zwei Jahre unterschiebt. Allerdings geht es um die Frage, warum Ivy, Beatrix und Thea so schlechte Mütter geworden sind - doch diese Antwort bleibt uns Rosamond schuldig, das heißt, sie - und damit der Autor - begnügt sich mit der Feststellung, dass sie die Lieblosigkeit weitergeben, die sie selber erfahren haben.
So einfühlsam und liebenswert Jonathan Coe seine Rosamond auch erzählen lässt und so atmosphärisch dicht er die Nachkriegsjahre und die darauffolgenden Jahrzehnte beschreibt - damit wird er den Frauen, die so schlecht wegkommen, nicht ganz gerecht. Vielleicht hätte er sich näher an sie heranwagen sollen, um ihre Seelennöte tiefer auszuloten, aber er schiebt sich selbst einen Riegel vor, indem die Erzählerin Rosamond oft nur eine Beobachterin aus der Ferne ist.
Gill, die Hauptprotagonistin der Rahmenhandlung, die sich mit ihren Töchtern die Kassettenaufnahmen anhört, vermag Rosa-monds Bericht dennoch voll zu überzeugen, ebenso wie viele Kritiker, denn "Der Regen, bevor er fällt" wird häufig als Coes bisher bestes Buch gepriesen.
Jonathan Coe: Der Regen, bevor er fällt. Roman. Aus dem Englischen von Andreas Gressmann. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009, 298 Seiten, 19,50 Euro.