Also reist Clarissa kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten, von Miami bis Alaska, mit dem Flugzeug, im Greyhound Bus, im gemieteten Pick-up. Sie diskutiert mit wütenden Rentnern, ob Obama etwa ein Al-Qaida-Agent ist, oder sie outet sich im Bibel-Kreis eines Örtchens namens Pittman als Obama-Wählerin. Woraufhin der Pastor antwortet: "Ich bin ja selbst auch für Obama. Aber wählen kann ich nicht. Ich bin noch drei Jahre auf Bewährung."
Für solche Sätze liebt man Irene Dische spätestens seit ihrem Roman "Großmama packt aus", in dem sie 2005 ihre deutsch-jüdisch-amerikanische Familiengeschichte samt "Übergroßmutter" aufgerollt hat. Nun hat die in Berlin lebende amerikanische Autorin ein so schrilles wie abwechslungsreiches Roadmovie geschrieben. "Clarissas empfindsame Reise" enthält alles, was das Genre verlangt: schräge Typen, entlegene Orte und jede Menge Begegnungen der dritten Art. Da zieht Clarissa mit dem Spross einer palästinensischen Kioskbesitzer-Dynastie um die Häuser, wird auf einer Toilette in Anchorage fast von "Mr. Alaska" vergewaltigt und lernt den außenpolitischen Berater von Sarah Palin kennen (die ihm nur die eine Frage stellte: wann sie endlich mit der Invasion in den Iran beginnen könne).
Nicht zuletzt die Erlösungsfantasien, die sich an Barack Obama entzünden, nimmt Irene Dische in Person ihrer liebeskranken Clarissa trefflich aufs Korn. "Vielleicht konnte mir Obama tatsächlich helfen. Schon allein der Gedanke an sein unkompliziertes Gesicht, an die fröhlichen runden Augen, den langen, schmalen Körper, wirkten beruhigend." Ob Staats- oder Gefühlshaushalt - Obama muss es richten, das Politische wie das Private.
Das Beste an diesem Roman ist aber die Hauptfigur, 35 Jahre alt und mit einem Chirurgen verheiratet, der nicht nur langweilig ist, sondern auch darüber hinaus noch Hans heißt. Disches Ich-Erzählerin ist nicht nur die Namensvetterin einer der interessantesten Frauenfiguren der Weltliteratur, Clarisse aus Musils "Mann ohne Eigenschaften". Mit ihr teilt Clarissa auch die Überspanntheit der Intelligenz und einen Hang zu selbstironischer Melodramatik, der sich über weite Strecken hin selbst genügt.
Die weibliche Seele ist denn auch der eigentliche Schauplatz dieses Roadmovies. In kurzen Kapiteln, die manchmal klassische Reiseschilderungen sind, manchmal den Charakter von kleinen Feuilletons haben, lotet Irene Dische die Befindlichkeiten ihrer Protagonistin aus. Es geht um Liebeswahn und Verlassenwerden, um körperlichen Verfall und amerikanischen Schönheitskult.
Es wird hier viel mit dem Leben gehadert und auf das Koketteste an den Männern gelitten. Die sind entweder unerreichbar wie Barack Obama oder vollkommen lächerlich wie Ivan, der Frauen stets seine eigenen Gedichte schenkt und nach dem Sex darauf besteht, Dante zu lesen. Und dazwischen immer wieder diese Dische-Sätze, die man sich sofort herausschreiben und übers Bett hängen möchte: "Ich warne Sie - sollten Sie vorhaben, jemanden zu verlassen, in den Sie verliebt sind, lassen Sie sich von ihm bloß nicht in Begleitung seiner Ehefrau zum Flughafen bringen."
Die Reise durch Amerika wird für Clarisse nach und nach zur Reise in die eigene Vergangenheit. Am Ende ist sie in New York angelangt - und bei ihren Ursprüngen, die sie so lange gemieden hat. Schließlich kommt sie zur schönen postfeministischen Erkenntnis, dass es die meisten Männer zwar nicht wert sind, man sich aber trotzdem ihretwegen verrückt machen kann. Und zwar ohne an Selbstironie und Selbstachtung zu verlieren.
Clarissa mag sich Barack Obama zwar an die Fersen geheftet haben - ein Obama-Girl ist sie deswegen noch lange nicht.
Irene Dische: Clarissas empfindsame Reise. Roman. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, 160 Seiten, 20,60 Euro.