
(leg) Macht Liebe blind? Einer gängigen Behauptung nach ja. Freilich hatte schon Joseph Roth im Vorwort eines Sachbuches darauf hingewiesen, dieses sei "nicht für Leser geschrieben, die es dem Autor übel nehmen würden, dass er den Gegenstand seiner Darstellung mit Liebe behandelt".
Keine Frage, Kai Ehlers liebt Russland und dessen Menschen. Sein Buch über den "Herzschlag einer Weltmacht" ist dennoch weit mehr als typisch deutsche Russland-Romantik. Der deutsche Intellektuelle Ehlers trifft sich darin mit dem russischen Schriftsteller Jefim Berschin, einem alten Freund, zu gemeinsamen Gängen durch das "Labyrinth der russischen Wandlungen". Die Dialoge werden dabei von einem erklärenden Artikel eingeleitet und von Auszügen aus dem Briefwechsel zwischen Ehlers und Berschin beschlossen. Während Ehlers hie und da ein wenig ins Intellektuell-Augurenhafte abrutscht, etwa wenn er Russland mit deutscher Insistenz als "Entwicklungsland neuen Typs" verortet wissen will, gelingen insbesondere Berschin sublime Beobachtungen von großer Menschlichkeit und Wahrheit. In Summe ein sehr lesenswertes Buch, das zur Vermutung berechtigt, dass Liebe doch auch sehend macht.
Kai Ehlers: Russland. Herzschlag einer Weltmacht. Pforte Verlag, 340 Seiten, 25,50 Euro.