• vom 12.02.2010, 14:57 Uhr

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Update: 12.02.2010, 14:57 Uhr
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Der Zauderer und der Macher

Enzensberger / Johnson: fuer Zwecke der brutalen Verstaendigung


Von Andreas Wirthensohn
  • Der Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger endete vorzeitig - aus enttäuschter Literatenfreundschaft.

Uwe Johnsonwar für seine Verhältnisse erstaunlich optimistisch: "Lieber Mang", schreibt er am 26. August 1966 aus New York an Hans Magnus Enzensberger, der gerade wieder einmal unterwegs ist (diesmal in der Sowjetunion), "du siehst, ich scheue nicht einmal vor Firmenpapier zurueck, wenn ich dich nur erinnern kann daran dass du jetzt dran bist und dass meine Saumseligkeit im vorigen Monat dir weder fuer diesen noch ueberhaupt eine Ausrede bietet angesichts der Ueberlegung, dass die Gesamtausgabe unseres Briefwechsels auf mindestens zwei Baende angelegt ist, und zwar im Duenndruck." Daraus ist nichts geworden, und was Johnson kurz darauf scherzhaft formuliert, wird ein Jahr später, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen, unerfreuliche Wirklichkeit: "In aller Form stelle ich hiermit fest dass von deiner Seite der Vorschlag kommt, unsere Korrespondenz nicht mehr fuer eine kuenftige Edition und Altersversorgung einzurichten sondern fuer Zwecke der brutalen Verstaendigung."

Mitte 1967 endet eine Korrespondenz, die 1964 begonnen hatte, nach gerade einmal rund 150 Briefen mit einem lauten Knall: "Die Frage, ob ein Vertrauen unter Freunden wahrgenommen werden konnte von jemandem, der uns nicht die Wahrheit sagt, der uns täuscht, der uns ausnutzt und reinlegt, diese Frage scheint uns nur noch semantischer Natur zu sein."

Dass der Umgang mit Uwe Johnson nicht immer leicht war, ist bekannt. In seiner enttäuschten Freundschaft zu Enzensberger aber kann man Johnson durchaus verstehen. Er war offensichtlich derjenige, der - zumindest den Briefen nach zu schließen - mehr in diese Literatenfreundschaft investiert hat als sein fünf Jahre älterer Kollege.

Nicht zuletzt in praktischen Dingen erwies sich Johnson als ausgesprochen hilfsbereit: Er half bei der Suche nach einem Haus in Berlin, als Familie Enzensberger 1965 aus dem norwegischen Tjøme nach Deutschland zurückkehrte. Er überließ Enzensbergers Frau Dagrun, die sich "Eheurlaub" von ihrem Mann nahm (und kurz darauf von ihm scheiden ließ), seine Wohnung in Berlin, während er in New York weilte (in seinem Atelier wohnte derweil Enzensbergers Bruder Ulrich). Als sich dann herausstellte, dass die berüchtigte "Kommune I" sich dort vergnügte, und als deren Mitglieder dann auch noch wegen eines angeblich geplanten Attentats auf den US-Vizepräsidenten in seiner Wohnung festgenommen wurden (was Johnson aus der Presse erfuhr), war er tief enttäuscht: darüber, dass Enzensberger ihm den wahren Zustand seiner Ehe verschwiegen hatte und dass er in Berlin allenfalls halbherzig aktiv wurde, um die Wohnungssituation zu klären.

Aber vermutlich wäre der Briefwechsel auch ohne diese Querelen nicht auf zwei Bände angeschwollen. Denn eine wirklich vertrauensvolle Nähe wollte sich nicht einstellen. Vielleicht waren sich die beiden als Schriftsteller einfach zu fremd: hier der Genauigkeitsfanatiker Johnson, der allen politischen Ambitionen der Literaten stets mehr als skeptisch gegenüberstand, dort der scharfsinnige, aber auch wendige Weltbeobachter Enzensberger, der mit Essays und Gedichten brillierte. Wobei Enzensberger Johnsons Texte gewiss mehr zu schätzen wusste als umgekehrt. Bezeichnend jedenfalls ist, dass aus einem lang und breit diskutierten internationalen Zeitschriftenprojekt, das Johnson leiten sollte, nichts wurde und stattdessen Enzensberger kurz darauf recht umstandslos das "Kursbuch" ins Leben rief. Der Zauderer und der Macher - das passte nicht zusammen.

Im ausgezeichneten Kommentar zu diesem Briefwechsel "schlummern" übrigens andeutungsweise schon die nächsten Korrespondenzschätze. Auf einen Briefwechsel, sollte er denn je ediert werden, darf man besonders gespannt sein: auf den zwischen Enzensberger und seinem Verleger Siegfried Unseld: "zu den sachen, die mir . . . überflüssiger denn je zuvor scheinen, gehören die albernen szenen mit dr siegfried unseld. ich werde allmählich zu alt, um spaß an einem so jugendlichen gefühlsleben zu haben, wie es sich da zu äußern nicht müde wird. dieser zyklus von beleidigt-sein-rache-versöhnung, diese fortwährenden kleinbürgerlichen ehedramen öden mich an."

Das schreibt Enzensberger, gerade einmal 37 Jahre alt, 1966 an Johnson. Dass er weitere 43 Jahre lang fast alle seine literarischen Werke im Hause Suhrkamp veröffentlich hat, wirkt angesichts dessen fast wie ein Wunder.

Hans Magnus Enzensberger / Uwe Johnson: fuer Zwecke der brutalen Verstaendigung. Der Briefwechsel. Herausgegeben von Henning Marmulla und Claus Kröger. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2009, 343 Seiten, Abb., 25,50 Euro.



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