
(Wei) Der Sohn Napoleons war ein bedauernswertes Geschöpf. In eine turbulente Zeit hineingeboren, musste der Dreijährige mit seiner Mutter Marie Louise, der Tochter des österreichischen Kaisers Franz I. aus Frankreich fliehen und wurde am Wiener Hof von seinen Lehrern vom "König von Rom" zum "Herzog von Reichstadt" umerzogen. Vom Vater durch die turbulenten zeitgeschichtlichen Ereignisse getrennt, von der Mutter, die mit dem Grafen Adam Adalbert Neipperg eine intime Beziehung unterhielt und im fernen Parma residierte, in Stich gelassen, nahm sein Leben einen tragischen Verlauf. "Franz", wie man ihn in der kaiserlichen Familie nannte, starb 21-jährig an der Schwindsucht. Renate Fabel beschreibt das Schicksal des Napoleonsprosses und Kaiserenkels farbig und detailreich mit stilistischer Brillanz, hervorragender thematischer Beschlagenheit und intuitivem weiblichen Einfühlungsvermögen. Ihr blendend ausgewähltes, sich vom Text abhebendes Briefmaterial vermittelt Unmittelbarkeit. Ich habe schon lange keine so hervorragende historische Biographie gelesen. Einfach Fabel-haft.
Renate Fabel: Der kleine Adler. Napoleons Sohn. Amalthea Verlag, 220 Seiten, 22,95 Euro.