• vom 01.10.2010, 14:17 Uhr

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Update: 01.10.2010, 14:31 Uhr
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Familienleben als Mannschaftssport

Franzen, Jonathan: Freiheit


Von Shirin Sojitrawalla
  • Auch in seinem neuen Roman, "Freiheit", erweist sich Jonathan Franzen wiederum als genauer Beobachter und Fachmann für familiäre Demütigungen jeglicher Art.

Wer gern in die seelischen Vorratskammern fremder Familien schaut, ist beim amerikanischen Schriftsteller Jonathan Franzen an der richtigen Adresse. Das bewies er schon vor neun Jahren mit seinem gewaltigen Familienroman "Die Korrekturen", und das beweist er jetzt wieder mit seinem jüngsten Werk "Freiheit". In diesen beiden Romanen erfährt der Leser all das, was er nicht einmal über nahe Freunde erfahren würde, und vermutlich auch gar nicht zu wissen wünscht.

Diesmal stellt uns Franzen die vierköpfige Familie Berglund vor, wobei er die Mutter Patty ins Zentrum der Handlung rückt. Mehr als drei Jahrzehnte ihres Lebens, von den siebziger Jahren bis fast in die Gegenwart, folgen wir der Entwicklung Pattys, die aus einer politisch engagierten, hochnäsigen Ostküstenfamilie stammt, folgen ihrer Entwicklung von einer vitalen Studentin und erfolgreichen Basketballspielerin bis zu ihrer Ehe mit dem eher langweiligen, aber verlässlichen Walter.

Zusammen mit ihren Kindern Joey und Jessica lebt das Ehepaar ein scheinbar solides amerikanisches Mittelklasseleben. Wäre da nicht auch noch der Musiker Richard Katz, Walters bester Freund seit Studientagen und für Patty eine ebenso lange erotische Versuchung. Katz lebt ein alternatives Leben, ohne Frau und Familie, was ihn aber kaum unglücklicher macht als die Berglunds.

Die vier Figuren Walter, Patty, Richard und Joey - über die Tochter Jessica erfährt man seltsamerweise eher wenig - umkreist der Autor aus wechselnden Perspektiven, nähert sich ihnen gewissermaßen in kreisförmigen Erzählbewegungen. Ja, er umzingelt sie geradezu, wobei der Kreis als mehrdeutiges Symbol - für Ehe, Unendlichkeit, Harmonie und perfekte Form - nicht zuletzt deshalb klug gewählt scheint, da der Roman im Grunde eine grandios komponierte Ehegeschichte erzählt.

Dabei macht der enthusiastische Vogelbeobachter Franzen auch als Autor das, was er in ornithologischer Absicht zu tun pflegt: er beobachtet. Genau. Gnadenlos. Und erweist sich wieder einmal als Fachmann für familiäre Demütigungen jeglicher Art sowie als erstklassiger Auf-den-Punkt-Bringer, vor allem was die Seltsamkeit und Lebensuntauglichkeit der Kinder wie der Eltern betrifft. Franzen formt seine Figuren aus dem, was sie erlitten haben - und wir dürfen ihnen dabei zuschauen, wie ihre Lebenswege auf sensationell-beiläufige Art schief laufen.

Die in den zahllosen und hier unmöglich nachzuerzählenden Geschichten und Erzählsträngen des Romans immer wieder kehrende Frage lautet: Wie soll ich leben? Eine Frage, die uns alle angeht. Mit ihren misslingenden Lebensversuchen und gewagten Biografien führen uns Franzens Figuren vor Augen, was geht. Und heutzutage geht vieles, wenn nicht alles.

Darüber hinaus gelingt es dem Autor sehr gut, die politischen Katastrophen der USA in den privaten Nöten seiner Akteure zu spiegeln, wie auch umgekehrt. Joey entwickelt sich zu einem strammen Republikaner, der weder dubiose Geschäfte noch krumme Wege scheut. Walter hingegen setzt sich mit Kämpferattitüde für die Rettung von Singvögeln ein, genauer gesagt für die Pappelwaldsänger , und gerät dabei zwischen die ideologischen Fronten. Die Ehefrau und Mutter Patty entwickelt sich schließlich zu einer Ehebrecherin, die das Familienleben als Mannschaftssportart betreibt und es mit ihren großen literarischen Vorbildern Emma Bovary, Anna Karenina und Effi Briest aufnehmen kann.

Immerhin gibt Franzen seiner Hauptfigur die Chance, ihr Denken und Verhalten zu erklären, zumindest scheinbar. Denn ein Teil des Romans soll von Patty selbst verfasst worden sein. "Es wurden Fehler gemacht": so ist ein Kapitel überschrieben, und darunter steht: "Patty Berglunds Autobiografie / von Patty Berglund (verfasst auf Vorschlag ihres Therapeuten)".

Was auf den ersten Blick durchaus originell scheint, ist es bei genauer Betrachtung jedoch nicht, denn Franzen tut sich mit diesem dramaturgischen Kniff keineswegs einen Gefallen. Ungeschickt, dass er Patty in der dritten Person von sich reden lässt - was einigermaßen gespreizt wirkt und außerdem unwahrscheinlich ist, legen Therapeuten ihre Patienten doch schon in der ersten Sitzung nahe, sich in Ich-Form zu äußern.

Schlimmer ist aber, dass es Franzen nicht gelingt, der Autobiografin einen persönlichen Stil, einen eigenen Tonfall zu geben. Kurzum, das Buch im Buch ist überflüssig. Wie überhaupt der Roman mehr durch inhaltliche Fülle als durch sprachliche Finesse auftrumpft, zumindest in der deutschen Übersetzung erscheinen manche Passagen umständlich konstruiert.

Jonathan Franzen: Freiheit. Roman. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010, 730 Seiten, 25,70 Euro.



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