In einer lebendigen Erzählung, die nicht mit signifikanten Details spart und von reicher Bebilderung begleitet ist, führt Fried durch diese unruhigen Jahrhunderte mit ihrer latenten, zuweilen offenkundig apokalyptischen Dimension. Von Klöstern und Generationen übergreifenden Gebetsgemeinschaften führt der Weg über die neu entstehenden Städte und Handelsverbindungen in die Kolonisierung und die ganze Welt.
Europa ist eine einzige Bewegung über sich hinaus. Dies zeigt sich geographisch in den Wallfahrten, zum Beispiel am "Jakobsweg", in den Kreuzzügen und nicht zuletzt in den Expeditionen, die in den fernen Osten führten. Die Bindungen an Herkunft, Gewohnheitsrecht und alte sakrale Herrschaftsansprüche werden von der Kirche unterlaufen. Legitime Machtausübung wird an vertragliche Vereinbarung gebunden, Blutrache und Selbstjustiz lösen sich auf, das Recht wird kodifiziert.
Mit den Städten, dem Geldverkehr und den Universitäten entstehen länderübergreifende Verbindungsnetze. Dies vollzieht sich in einer epochalen Rationalisierung aller Lebensbereiche. Mit dem Aristoteles-Studium an den Universitäten werden Wissen, Ethik und Politik an rationale Verfahren gebunden. Die Grundlagen der modernen Staaten und der Neuzeit zeichnen sich ab.
Dem Leser wird das Geschehen an vielen biographischen Beispielen vor Augen geführt. So hat Peter Abälard in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts damalige Grenzen des Denkbaren und der Lebensform geöffnet. Auf die von Karl IV. im 14. Jahrhundert intendierte Nachfolge Karls des Großen lassen sich Strukturen des modernen Territorialstaates zurückverfolgen.
Die ganze Breite der Kultur wird auf dem Niveau der Forschung vieler Disziplinen in ihrer inspirierenden Interdependenz vorgeführt. Dem Leser aber werden weiterführende Fragen zugemutet.
Johannes Fried: Das Mittelalter. Geschichte und Kultur. C. H. Beck, Verlag 606 Seiten, 30,80 Euro.