Bisher war Thomas Glavinic als Romanautor vor allem für seine Wandlungsfähigkeit bekannt. Fast jedes seiner Bücher hatte einen anderen Ton(fall), und er wechselte neben Erzählperspektiven stets auch die Sujets und die Genres auf überraschende, fast immer gelungene Weise. In seinem neuesten Roman, "Das Leben der Wünsche", kehrt er in Tonart und Thematik zu seinem bisher ambitioniertesten Werk, "Die Arbeit der Nacht" (2006), zurück. In jenem war der Protagonist, Jonas, von einem Tag auf den anderen plötzlich mutterseelenallein auf der Welt - und blieb es im gesamten Verlauf dieser dunklen, verstörenden Geschichte.
Der Held des neuen Romans heißt wiederum Jonas - vermutlich mit Absicht (obwohl sonst nicht viel darauf hindeutet, dass es sich um denselben Jonas handelt). Auch diesem passiert etwas höchst Merkwürdiges - und letztlich Bedrohliches:. Er trifft - gleich zu Beginn des Romans - auf einen ominösen, wenig einnehmenden Mann (mit weißem Anzug, Goldkettchen und Bierfahne), der vorgibt, Jonas drei Wünsche erfüllen zu können. Dieser will den Unbekannten, der überraschend gut über ihn und seine Verhältnisse Bescheid weiß, vorerst abwimmeln, äußert aber dann doch ein paar Vorstellungen, in welche Richtung seine Wünsche gehen könnten: mehr Erkenntnisse über den Lauf der Welt, überhaupt ein Anderer sein, "einen Feind - den ich nicht habe - töten zu lassen". . . Schließlich äußert Jonas aber nur einen einzigen Wunsch: nämlich den, dass alle seine Wünsche sich erfüllen mögen. Damit erübrigen sich die zwei anderen. Der Fremde versichert Jonas, der das Ganze natürlich für einen abseitigen Scherz hält, dass sich seine Wünsche ab morgen tatsächlich erfüllen werden.
Jonas - Mitte Dreißig, Werbetexter, verheiratet mit Helen, Vater von zwei jungen Söhnen, Liebhaber von Marie - vergisst diese seltsame Episode rasch wieder. Und erinnert sich auch nicht daran, als sich in seinem Leben einiges zu ändern beginnt. Vorerst Positives: Die Kurse seiner Aktien steigen, einer seiner Söhne bekommt einen unerklärlichen Wachstumsschub. Doch dann stirbt plötzlich Jonas Frau - Herzstillstand in der Badewanne. Spätestens jetzt entwickeln sich die Dinge um ihn herum zunehmend mysteriöser und undurchschaubarer. Es gibt noch einige weitere Tote (so fällt etwa der Liebhaber seiner Frau einem schrecklichen Unfall zum Opfer), aber auch die Spontanheilung von Jonas krebskranker Ex-Frau.
Es ist nicht so, dass sein Leben ständig durcheinander gewirbelt würde; die meiste Zeit lebt Jonas in einer durchaus alltagsähnlichen Normalität, aber es schieben sich immer öfter unerklärliche Zustände, Ausfälle, Vorkommnisse dazwischen. Erst sehr spät - auf Seite 277 von knapp mehr als 300 - beginnt Jonas zu erahnen, worauf all die Veränderungen zurückgehen könnten. Aber er lässt diesen Gedanken nicht zu, denkt "um ihn herum", weil er ihn - wer wollte es ihm verdenken? - für zu absurd hält.
Das fortlaufende Geschehen hat keine innere Logik, es steuert auf kein erkennbares Ziel zu - weder für Jonas noch für den Leser (der trotzdem mehr zu verstehen glaubt als der von seinem unbedacht herbei gewünschten Schicksal so stark Gebeutelte). Daher weiß weder dieser noch jener, was ihn im nächsten Augenblick bzw. auf der nächsten Seite erwartet. Das macht die immense Spannung und suggestive Wirkung dieses Romanexperiments aus, das sich trotz klarer "Versuchsanordnung" ziemlich eigendynamisch entwickelt. Vermutlich sogar für den Autor, der zwar über seine ökonomisch eingesetzten sprachlichen Mittel kunstvoll verfügt, nicht aber über eine schlüssige Dramaturgie der Handlung. Das mögen manche Kritiker und Leser wiederum - so wie schon bei der "Arbeit der Nacht" - für den Ausdruck handwerklicher Schwäche halten, aber es ist wohl eher eine Stärke, diese an sich schon unglaubliche Ausgangssituation nicht nach einer allzu kenntlichen Logik fortzuspinnen.
Auch das Ende wird - trotz eines starken, apokalyptischen Bildes - offen gelassen. Damit bleibt Thomas Glavinic - im Gegensatz zu manch anderen "Fantasy"-Autoren der gehobenen Unterhaltungsliteratur - im Hoheitsgebiet der Literatur, und somit im Reich der sprachlich evozierten Phantasien. Und dass dort die unglaublichsten Abenteuer wachsen, beweist dieser Roman auf eindrucksvolle Art und Weise.
Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche. Roman. Hanser, München 2009, 319 Seiten, 22,10 Euro.