
Ist dieses Buch (wie der Verlag suggeriert) "eine gescheite, witzige und zutiefst bewegende Parabel" des amerikanischen Lebens? Oder nicht vielmehr (wie´s uns erscheint) eine flache, plumpe und ziemlich langweile Parodie auf eine solche Parabel? Möglicherweise besteht die eigentliche Qualität dieses Buches eben darin, dass es so gegensätzliche Werkdeutungen zulässt bzw. evoziert - wie ja auch die amerikanische Realität in der Lage ist, patriotische Begeisterung oder kritische Bedenken auszulösen.
Inhalt: Eine Familiensaga, die "irgendwo mitten in Amerika" spielt, genau gesagt in der Kleinstadt Bashford, wo sich nicht nur drei McDonald´s und ein Einkaufszentrum befinden, sondern auch der Stammsitz der Industriellendynastie Mapother. Mit Tabak in verrauchten Zeiten reich geworden, hat die Familie auch in der nikotinarmen Gegenwart noch immer großen gesellschaftlichen Einfluss. Vater Henry, 72, hält mit strenger Hand sein Imperium zusammen; Mutter Elizabeth, 61, engagiert sich mit religiösem Eifer in ihrer Pfarrgemeinde; Sohn John, 40, soll nach väterlichem Willen und laut einer mütterlichen Privatoffenbarung in die Politik einsteigen und später einmal Präsident des Landes werden; Sohn Eugene, genannt Blue Gene, 27, als Aussteiger das schwarze Mapotherschaf, schlägt sich als Händler auf einem Flohmarkt durchs Leben, bis er den vereinigten familiären Überredungskünsten erliegt und seinen Bruder im Regionalwahlkampf unterstützt: mit seiner Unterschichterfahrung soll er die proletarische Wählerschaft für John mobilisieren.
Als Wahlhelfer lernt Blue Gene die Punkrocksängerin Jackie Stepchild kennen; sie heißt eigentlich Ripplemeyer, hat einen Studienabschluss in Betriebs- und Politikwissenschaft und arbeitet für Heartland Championship Wrestling als "Booker", d.h. sie entwirft die "Angles" (= Handlung) der Kämpfe. Blue Genes verliebtes Angebot, mit ihm Bett und Zukunft zu teilen, schlägt sie teilweise aus, bleibt also seine politisch-platonische Freundin. Auch dann noch, als der Abgeblitzte zufällig erfährt, dass Bruder John in Wahrheit auch sein Vater ist, und seine Mutter die Tochter eines Hausmädchens (um den Skandal zu vertuschen, wurde der kleine Blue Gene von Henry und Elizabeth adoptiert und wie deren eigenes Kind aufgezogen).
Der Klassenmischling lässt sich sein Erbteil auszahlen, bricht mit der Familie, errichtet ein Commonwealth-Center, wo er zusammen mit Jackie eine lokale Sozialutopie (alles gratis für alle Bedürftige) verwirklichen will; gründet zusammen mit Jackie die "Partei der Habenichtse"; John hingegen wird zwischenzeitlich alkoholsüchtig, will dann Jackie umbringen lassen und verursacht schließlich indirekt den fast tödlichen Unfall seines anderen, kleinen Sohnes Arthur...
Stil und Sprache : Der Autor Joey Goebel, "1980 in Henderson, Kentucky, geboren, wo er auch heute lebt und Schreiben lehrt", pflegt eine realistische Beschreibungsweise seiner Romanfiguren und -kulissen, die mit einer flapsig-ironischen Gesellschaftskritik durchsetzt ist, von welcher nicht recht klar wird, ob sie witzig erscheint will, weil sie ernst gemeint ist, oder umgekehrt. Die epische Konstruktion knirscht in den Fugen, Rückblenden und Visionen sind ihr aufgesetzt, abzuhandelnde Themen (Autofahren, Sport, Rauchen, Außenpolitik, Nationalhymne etc.) ihr eingezwungen; klischeehaft wird mit Klischees hantiert, naiv mit satirischen Mitteln gearbeitet; die Psychologie wirkt geistlos, der Humor witzlos: "Du hast einen Schnauzbart." - "Nein, gar nicht wahr. Das auf meiner Oberlippe ist eine Augenbraue."
Was Goebels Sprache betrifft (die, wie zu befürchten steht, in Hans M. Herzog einen adäquaten deutschen Übersetzer gefunden hat), so gründet und ruht sie im sicheren Autorenbewusstsein, schon in jungen Jahren zwei Romanerfolge ("Vincent" und "Freaks") erzielt zu haben. Goebel ist ein Metaphernfreak ("mit einer Stimme, bei der er an Pfennigabsätze und Hauskatzen denken musste"), ein Sprachbildmaler ("sich den Zahnschmelz wie eine Apfelsinenschale abzupellen und die Zahnnerven dem Wind auszusetzen") und ein Heimatkritiker: "Blue Gene blieb gern ein Außenseiter. Denn außen durfte man wenigstens rauchen."
Fazit : Auf Seite 417 heißt es: "Das ist doch wie aus einer Seifenoper, stimmt´s?" Stimmt.
Joey Goebel: Heartland. Roman. Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog. Diogenes Verlag, Zürich 2009, 714 Seiten, 23,60 Euro.