
Nach den Jugenderinnerungen "Beim Häuten der Zwiebel" (2006), die das Eingeständnis seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS enthielten, und der leicht melancholischen Familienchronik "Die Box" (2008) hat Nobelpreisträger Günter Grass nun mit "Grimms Wörter" seine autobiographische Trilogie abgeschlossen und vielleicht sogar sein letztes großes Erzählwerk vorgelegt. "Da mir, umringt von mehr und mehr Ungewissheit, einzig der Tod gewiss ist, will ich ihn als ungeladenen, aber unumgänglichen Gast empfangen und allenfalls mit der Bitte belästigen: Mach es kurz und schmerzlos", heißt es auf Seite 266 dieses Bandes mit dem Untertitel "Eine Liebeserklärung".
Es ist nicht nur eine glühende Liebeserklärung an Jacob und Wilhelm Grimm, die Schöpfer des 32-bändigen Deutschen Wörterbuchs, das erst Anfang der 1960er Jahre abgeschlossen wurde, sondern eine geradezu flammende Hommage an die deutsche Sprache, die Grass (und einst auch den Grimms) in schweren Zeiten nicht nur als Heimat diente, sondern zu der ein beinahe erotisches Verhältnis gepflegt wird.
"Es waren einmal zwei Brüder, die Jacob und Wilhelm hießen, für unzertrennlich und landesweit als berühmt galten," heißt es zu Beginn des Buchs mit leicht märchenhaftem Unterton. Tatsächlich werden verbriefte Fakten aus dem Leben der beiden Sprachpioniere, deren Konterfei einst den Tausendmarkschein zierte, hemmungslos mit Gedankensplittern des Autors Grass vermischt. Diese Form der künstlerischen Aneignung von Zeitzeugenschaft kennt man als Stilmittel bereits aus dem "Weiten Feld", als Grass sich mit Theodor Fontane gleichsam auf Augenhöhe bewegte.
Da die Biographie der Grimms, die als Bibliothekare, Professoren, Philologen und Märchensammler tätig waren und ein eher beschauliches Leben führten, eher unspektakulär und für ein ausgewachsenes literarisches Erzählprojekt zu unergiebig verlief, baut Grass immer wieder Brücken zur eigenen Vita und inszeniert dadurch eine ziemlich selbstgefällig wirkende intellektuelle Kumpanei - über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg. Wir überspringen kurzerhand einhundert Jahre, begegnen Willy Brandt und Heinrich Böll, lauschen in der Frankfurter Paulskirche der brisanten Friedenspreisrede auf Yasar Kemal und erleben den Autor Grass im Umgang mit seinen Verlegern.
Bewundert hat Grass ohne Zweifel die "Göttinger Sieben", die sich gegen willkürliche Anordnungen des Fürsten von Hannover auflehnten und deshalb ihre Zulassung als Universitätsprofessoren verloren. Jacob Grimm war der Führer der Rebellen, die energischen "geistigen Widerstand" leisteten - ohne Rücksicht auf die drohenden Sanktionen. Grass rügt in diesem Kontext den Opportunismus und die Feigheit der Göttinger Professorenschaft, die zu der Amtsenthebung der "Sieben" ähnlich uncouragiert schwieg wie das Gros der deutschen Universitätslehrer hundert Jahre später zur Machtübernahme der Nazis.