Ein Theaterstück aus dem 19. Jahrhundert als Folie für einen neuen Roman? Warum nicht. Zumal Henrik Ibsens Drama "Peer Gynt" zwar längst ein Klassiker geworden ist, die Meinungen über die Figuren aber noch heute geteilt sind. Hans Christian Andersen, der die Stoffvorlage für Ibsen bot, war wenig begeistert, im Gegenteil, er fand Ibsens Adaption nur schrecklich. Die 26-teilige Bühnenmusik von Edvard Grieg wurde bald schon als unpassend taxiert, sodass sie nach dem Zweiten Weltkrieg durch eine andere Komposition ersetzt wurde. An der ambivalenten Figur des Peer Gynt änderte dies freilich nichts: Ein notorischer Lügner ist er, wenn auch nicht immer aus schlechten Motiven, ein selbstsüchtiger Herumtreiber, den es in die Welt verschlägt, und der erst spät zu seiner Liebe Solveig zurückfindet - die tatsächlich ein Leben lang auf ihn gewartet hat. Diese Odyssee und Sinnsuche findet im berühmten Bild der Zwiebel ihren Höhepunkt. Denn Peer Gynt löst Schale um Schale ab, und findet doch keinen Kern.
Dieses Bild dürfte auch den 64-jährigen Schweizer Schriftsteller Peter Höner zur Komposition seines Romans "Gynt" inspiriert haben; in zehn Kapiteln, aus neun unterschiedlichen Perspektiven erzählt, kreisen Höners Figuren um Ibsens Stück, das sowohl am Wiener Burgtheater geprobt wird als auch von zwei Schweizer Schulklassen in einer alten Fabrik. Scharnier beider Bühnen und also des Romans ist die Figur Daniel Tauber. Zum einen Freund beziehungsweise Gelegenheitspartner der Schauspielerin Johanna Hatt, die sich in Wien mit der Rolle der Solveig auseinandersetzt, zeichnet er zum andern verantwortlich für die Regie am Schultheater.
Neun Figuren werden nacheinander in den Mittelpunkt gestellt. Sie alle haben mit der einen oder andern Gynt-Inszenierung zu tun, beginnend mit Jakob, dem Vater der ins Schweizer Projekt involvierten Lehrerin, welcher sich im hohen Alter noch vom Theatervirus infizieren lässt (und als einzige Figur gleich zwei Kapitel bestreitet), bis hin zur 15-jährigen Sarina, die einen Selbstmordversuch begeht, der zum Abbruch des Schultheaters führt.
Schriftsteller Höner lässt einigen seiner Figuren Eigenschaften angedeihen, wie sie jenem Peer Gynt oder auch Solveig anhaften. Konstellationen und Ereignisse werden in die Gegenwart transferiert, und der Leser mag zuweilen den Eindruck bekommen, das Ganze sei recht arg konstruiert - doch darum geht es Peter Höner, der selbst den Beruf des Schauspielers sowie des Regisseur ausübt, nicht.
Wohl aber liegt ihm daran, die von Tauber (auch als Alter Ego Höners zu lesen) propagierte Zeitlosigkeit des Stücks sichtbar zu machen, zu zeigen auch, wie Schein und Sein nicht immer klar zu unterscheiden sind, und - vor allem - welche Faszination das Theater in sich birgt. Aus Taubers Sicht: "Was weiß ein Schauspieler von Zweifeln und nächtlicher Heimsuchung? Sein Publikum bewahrt ihn vor Unbill, solange er auf der Bühne steht. Auch wenn das Klatschen nicht ihm allein gilt, so zählt es doch. Jede Sekunde erleichtert den Selbstbetrug. Er war nie glücklicher als im Rampenlicht. Wie gut er wirklich war, interessierte ihn nicht."
Und dennoch muss ein jeder Schauspieler zeitweilig von der Bühne, sich seinem anderen Leben stellen. Höners Roman zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, genau diese Wechselwirkung, die zwischen den beiden Welten entsteht, spürbar und nachvollziehbar zu machen - auch wenn seinem "Gynt" im Gegensatz zu Ibsens Protagonisten kein Happy End beschieden ist.
Peter Höner: Gynt. Roman. Limmat Verlag, Zürich 2011, 284 Seiten, 29,50 Euro.