Auf Seite 126 beginnt das Unheil. Kurz nach dem (wie sich bald herausstellen wird) definitiven Beziehungshöhepunkt für einen akademischen Seitenspringer und seine ebenfalls schon verheiratete große Jugendliebe, und zu einem Zeitpunkt, als sich der Leser mit dem hier eingeschlagenen, selten benützten literarischen Genre angefreundet hat: mit dem germanistischen Liebesroman.
Arnold Walter ist Professor für deutsche Literatur an der Universität Regensburg; und da er in Oberösterreich geboren und aufgewachsen ist, hat er sich auf das heimatliche Schrifttum spezialisiert. Einerseits liebt er seinen Beruf so sehr, dass er bei den von ihm regelmäßig angestellten Weltbetrachtungen und Selbstanalysen, die weit über das Lehrprogramm hinausgehen, sein gut geschultes Sprachempfinden zu Wort kommen lässt (wodurch sein Denken etwa von Büchner-Zitaten heimgesucht wird oder von der trüben Gewissheit, dass in der Postmoderne keine Gefühle mehr erlaubt sind); andererseits leidet er (wie viele seiner Kollegen) unter dem universitären Alltagsstress, sodass er stets aufs Neue in dem Versuch scheitert, wenigstens einen Roman pro Woche zu lesen.
Dazu kommt, dass Univ.-Prof. Dr. Arnold Walter sich in einer veritablen Midlife Crisis befindet. Seine Ehefrau Verena ist als erfolgreiche Psychotherapeutin von früh bis spät in fremden Seelen unterwegs, seine Tochter studiert im Ausland, sein Sohn macht demnächst die Matura (in Regensburg: das Abitur), das Familienleben läuft also auf Gewohnheitsschiene - und das Berufsleben leider auch. Bedrückt von der Einsicht, nur "ein Handwerker", "ein positivistischer Faktenhuber" zu sein, gequält von der Erkenntnis "Meine Gefährdung liegt in der Mittelmäßigkeit", sucht der eher unzufriedene als unglückliche Germanist einen Weg ins Freie - und findet ihn dort, wo der Zufall (laut Nestroy ein b´soffener Kutscher) die Leut´ z´sammführt. Nämlich in einem oberösterreichischen Bildungshaus, wo Walter (wie viele seiner Kollegen) in Erfüllung der einträglichen Volksaufklärungspflicht einen Vortrag über Adalbert Stifter hält.
Die Sonne, die jetzt über dem Nachsommer der professoralen Leidenschaften aufgeht, heißt Katharina. Sie ist Arnolds große und (wie sich jetzt zeigt) unvergessen gebliebene Jugendliebe; und wiewohl mit dem lokalen Spitzenkandidaten der sozialdemokratischen Partei verheiratet, leistet sie Arnolds johannestriebkräftigen Annäherungsversuchen nur geringen Widerstand. Mit Hilfe eines Linzer Privatdetektivs hat der verliebte Tor aus Regensburg Katharinas E-Mail-Adresse und Handy-nummer erhalten, die Kontaktaufnahme geht alsbald in eine persönliche Begegnung über, entfaltet sich zur freundlichen Verliebtheit und kulminiert in einem gemeinsamen Wochenende in Krummau (S. 110 - 125).
An dem Punkt schlägt die Liebesgeschichte in eine Krimistory um. Besagter Detektiv namens Harald Seisenbacher, ein bauernschlauer Bursche mit dem Lebensmotto "Wichtig ist, den anderen immer einen Schritt voraus zu sein", packt die günstige Gelegenheit beim Schopf, auf simple Weise ein schönes Zusatzeinkommen zu ergattern: zwei Peilsender an den richtigen Kotflügeln fixiert, ein paar Fotos und Videoaufnahmen angefertigt, ein Brieflein abgeschickt, und schon hat er "eine Erpressung laufen".
Dann aber läuft (wie man in Regensburg, doch leider bereits auch in Linz zu sagen pflegt) die Sache aus dem Ruder, und schließlich liegen zwei Leichen in der Provinzlandschaft.
Dies versteht Habringer so lebendig, anschaulich, eindringlich, packend zu erzählen, dass es eine Freude ist. Außerdem hat er sich einen so eleganten wie wirkungsvollen Konstruktionskniff einfallen lassen: Auf den Prolog (darin ein tragisches Schlüsselerlebnis des siebenjährigen Arnold geschildert und der von Kafka inspirierte Buchtitel erklärt wird) folgen drei Kapitel, von denen jedes einem der Protagonisten zugeordnet ist und die auf raffinierte Art ineinander verschränkt sind, so dass zwischen der fortlaufenden Handlung Raum entsteht für Rückblicke und Reflexionen.
Im Übrigen lässt es sich der Autor angelegen sein, seine stilistische Wandlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen: Dem sehnsüchtigen Walter legt er ein sentimentalisch-ironisches, geradezu romantisches Sprachgewand an, den Provinzgauner hüllt er in flotte Phrasen und Katharina kleidet er in charakterfesten, tatkräftigen Seelenstoff. Kurzum, hier liegt ein Habringer erster Ordnung vor.
Der Roman wird am Dienstag, 6. März, um 19.30 Uhr in der BarWien Biberstraße 8, 1010 Wien, präsentiert.
Rudolf Habringer: Engel zweiter Ordnung. Roman. Picus Verlag, Wien 2011, 395 Seiten, 23,90 Euro.