• vom 24.09.2010, 14:39 Uhr

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Update: 24.09.2010, 14:51 Uhr
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Die Stimme der Sprachlosen

Hackl, Erich: Familie Salzmann


Von Andreas Wirthensohn
  • Erich Hackl, ein Meister der dokumentarischen Fiktion, erzählt vom aufrechten Gang und der mangelnden Zivilisiertheit "unserer Mitte".

Erich Hackl.Foto: Barbara Gindl/APA

Erich Hackl.Foto: Barbara Gindl/APA Erich Hackl.Foto: Barbara Gindl/APA

Das ganze Unglück beginnt mit einem einzigen Satz: "Meine Oma ist in einem KZ umgekommen." Hanno Salzmann sagt das, 24 Jahre alt, Mitte der 1990er Jahre als Kanzleikraft der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse in Graz. Als der Satz ausgesprochen ist, ist es, als erwache bei den Kollegen ein nur vorübergehend stillgestellter Reflex: Wer eine Großmutter im KZ verloren hat (und auch noch Salzmann heißt), der muss Jude sein, und die Juden waren schon immer unser Unglück.

Nun beginnt, was man als antisemitisch motiviertes Mobbing bezeichnen könnte: Sieg-Heil-Rufe, übelste Scherze, offene Beleidigungen, perfide Demütigungen. Am Ende steht Hannos Entlassung, die er gerichtlich anficht und die daraufhin in eine "einvernehmliche Lösung des Dienstverhältnisses" umgewandelt wird. Der Fall schlägt Wellen bis hin zu Simon Wiesenthal und Heinz Fischer, damals Nationalratspräsident, doch nicht einmal seine Genossen in der SPÖ wollen Hanno bei aller Entrüstung so recht beispringen. Wirkliche Gerechtigkeit bleibt ihm verwehrt.

Hanno Salzmann Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist das erklärte Ziel von Erich Hackls neuer Erzählung. Hackl, den man getrost als Meister der dokumentarischen Fiktion bezeichnen kann, schreibt seit über zwanzig Jahren "Musterstücke des Weltlaufs", "Erzählungen nach dem Leben", die allesamt auf realen Begebenheiten beruhen und doch erst in der behutsamen Literarisierung zu "wahren Geschichten" werden. Stets geht es dabei um Menschen, denen Unrecht getan wird und die keine Stimme haben, um sich zur Wehr zu setzen. So hat er auch diesmal ausgiebig recherchiert und nachgefragt, um den Salzmanns "ein Gesicht, eine Gestalt, eine Geschichte zu verleihen" - vor allem aber, um die ganze Geschichte dieser Familie über drei Generationen zu erzählen.

"Der mir die Geschichte erzählt hat, in der Hoffnung, dass ich sie mir zu Herzen nehme", ist Hannos Vater Hugo Salzmann, 1932 geboren in Bad Kreuznach als Sohn von Hugo und Juliana Salzmann. Hannos Großmutter stammte aus dem steirischen Stainz, von wo aus sie auf Arbeitssuche nach Deutschland gegangen war und ihren Mann kennen gelernt hatte. Hugo Salzmann senior, Gewerkschafter und Kommunist, geriet nach der "Machtergreifung" 1933 ins Visier der Nationalsozialisten und floh mit Frau und Kind nach Paris, wo er für die Exilführung der KPD arbeitete. 1939 wurde er verhaftet und später von den Deutschen zu einer hohen Haftstrafe verurteilt. Seine Frau wurde 1940 festgenommen und schließlich ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht, wo sie an Entkräftung und Auszehrung starb. Ihr Sohn Hugo wurde derweil zu Julianas Schwester in die Steiermark geschickt, wo er das Kriegsende erlebte; er ging später als überzeugter Kommunist in die DDR, wo Hanno zur Welt kam; er verließ Ostdeutschland später jedoch enttäuscht und kehrte nach Österreich zurück.




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