
Viele Jahre prägte Bismarck (1862-1890 Ministerpräsident von Preußen, zugleich 1867-1871 Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes sowie 1871-1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches) die deutsche Politik. Es geht speziell um die Frage, ob es für ihn nicht doch auch auf der Ebene des oft von nationalen Eigeninteressen geprägten außenpolitischen Handelns der Regierungen ein europäisches Bewusstsein, ja eine europäische Verantwortung und somit Regeln und Verhaltensweisen gab, um auf dieser Basis einigermaßen Sicherheit und Berechenbarkeit im Staatensystem Europas herzustellen und zu bewahren.
Haffer beurteilt diese Frage mit "Ja" und meint, das gängige Urteil über Bismarcks europäisches Politikverständnis, wonach dieser reiner Pragmatiker der Macht gewesen sei, sei zu kurzsichtig. Bismarcks Ausspruch "Wer von Europa spricht, hat unrecht" dürfe nicht überbewertet werden. Vielmehr müsse die Person und seine gesamte politische Tätigkeit viel stärker in den europäischen Gesamtzusammenhang seiner Zeit gestellt werden. Dann biete sich ein ganz anderes Bild, so der Autor.
Schon als Jugendlicher habe Bismarck aufgrund von Reisen gute Einblicke in das politisch inhomogene Staatensystem Europas bekommen. Er gelangte dabei schon früh zur Erkenntnis, dass Sicherheit und Frieden in Europa größtmöglich gewährleistet werden können, solange die Staaten ihre jeweiligen Interessen mit Rationalität und Berechenbarkeit verfolgten und dabei gewisse Grundregeln, etwa den gleichberechtigten und respektvollen Umgang miteinander, beachteten.
Nicht ohne Prinzipien
Der spätere Staatsmann Bismarck nahm sich dies laut Haffer über weite Strecken zur Richtschnur seines Handelns. So sei Bismarck für ihn kein prinzipienloser Politiker gewesen, sondern ein verantwortungsbewusster Akteur des europäischen Staatensystems, der - ausgestattet mit einer Begabung für die richtige Gelegenheit, den Zeitpunkt und die Methode - alle Machtmittel, Druck und Einfluss einsetzte, um konkrete Ziele zu erreichen.
So war etwa der Deutsche Krieg von 1866 erst ausgebrochen, nachdem eine Verständigung mit Österreich gescheitert war, und auch 1870 bestand noch die Möglichkeit einer Einigung mit Frankreich über die Entstehung eines kleindeutschen Nationalstaates. Mit der Gründung des Deutschen Reiches entstand schließlich ein maßgeblicher Faktor des beginnenden europäischen Bündnissystems, der den nunmehrigen Reichskanzler eher mit Zwängen konfrontierte als ihm die Freiräume beließ, die er zuvor über zwei Jahrzehnte außenpolitisch zu schätzen gelernt hatte, schreibt der Autor.
Das alles aber geschah stets in den Grenzen dessen, was Bismarck als legitim beziehungsweise international mit guten Gründen (im Rahmen dessen, was "recht und billig" ist) als vertretbar ansah; was folglich "akzeptabel" für die anderen Mächte in dem Sinne war, dass man sich auch bei Ablehnung und Widerstand mit der Sache und den Argumenten auseinandersetzen musste, betont Haffer.
Einhalten von Grenzen
Bismarck bleibt für den Autor zwar auch konservativer Machtpolitiker - aber eben nicht ohne Grenzen; und diese klaren Grenzen der internationalen Machtausübung und der Bewahrung des europäischen Systems der Großmächte, seiner Funktionsfähigkeit und seiner Verpflichtungen haben europäischen Wert und Tradition, weil in ihnen das "Europäische", den europäischen Staaten im eigenen Interesse Gemeinsame liege, schreibt Haffer.
Schließlich habe Bismarck keine antieuropäische Haltung eingenommen, sondern sich stets um eine Stabilisierung, äußerstenfalls um eine den veränderten Verhältnissen entsprechende Anpassung des europäischen Mächtesystems bemüht, in dem Preußen-Deutschland letztlich einen zentralen Platz einnehmen sollte.
Dominik Haffer: Europa in den Augen Bismarcks. Ferdinand Schöningh Verlag, 723 Seiten, 70 Euro.