
Das weltanschauliche Fundament von Gehrers Wirken war in all diesen Funktionen klar: Es bestand aus einer von Arbeit, Glauben und Familie geprägten Lebensauffassung. Erzogen im reformkatholischen Umfeld der Neulandschule wird Elisabeth Gehrer Lehrerin im äußersten Westen Österreichs, ist aktives Leitungsmitglied der Pfadfinderbewegung und engagiert sich in der katholischen Frauenbewegung. Damit ist ihr Weg in das politische Lager der ÖVP vorgezeichnet, auch wenn dabei einige Hindernisse zu beseitigen waren: Gehrer galt in Vorarlberg lange als "Tirolerin" und, schwerwiegender noch, als eine starke Persönlichkeit mit eigenständigen Ansichten. Mit der ihr eigenen Konsequenz schaffte sie es, ihre politischen Funktionen stets mit der Sorge um die Familie und ihre drei Söhne zu vereinen - eine Eigenschaft, die selbst hartnäckigen politischen Gegnern Respekt abnötigte. Und von Gegnerinnen und Gegnern sollte Elisabeth Gehrer ja bis zum Ende ihres öffentlichen Wirkens wahrlich genug haben.
Scharfzüngiges und Süffisantes
Hans Haider, einer der profiliertesten Kulturjournalisten des Landes, zeichnet den privaten und politischen Lebensweg von Elisabeth Gehrer detail- und kenntnisreich nach. Aus seiner Darstellung spricht eine Grundsympathie für seine Hauptperson ebenso wie die innige Vertrautheit mit den Eigenheiten der Bildungs-, Kultur- und Wissenschaftspolitik unseres Landes. So gelingt ihm - zusammen mit dem Rückgriff auf private Informationen Gehrers - ein lebendiges Porträt, in dem die menschlich ansprechenden Züge seiner Hauptperson dominieren: Geradlinigkeit, Familienverbundenheit und menschliche Treue, vor allem zu ihrem Mentor Wolfgang Schüssel.
Hans Haider wäre aber nicht der kritische Geist, würde er seine Biographie nicht mit scharfzüngigen Bemerkungen zu jenem politischen Umfeld würzen, das Elisabeth Gehrer vor allem in der Bundespolitik antrifft. Im Nachzeichnen des Hü und Hott von Schul- und Universitätsreformen wird Haiders Buch ein Stück Zeitgeschichte, garniert mit Seitenhieben auf die Wiener Kultur-, Bildungs-, Wissenschafts- und Gewerkschaftsszene und mancher süffisanten Kurzbeschreibung der handelnden Personen.
Es liegt in der Natur dieser Beschreibung - und wohl auch im Temperament des Autors -, dass dabei die Grenze zwischen der Biographie der Hauptperson und den Randglossen des Publizisten Hans Haider fließend verläuft. Wen eine Innenansicht der österreichischen Kultur- und Bildungspolitik interessiert, den wird die Lektüre von Hans Haiders Buch nicht enttäuschen.
Ein lesenswertes Zeitdokument
Wie immer man die Generallinie der Bildungspolitik der letzten eineinhalb Jahrzehnte beurteilt, handelt es sich bei Elisabeth Gehrer um eine der für das Bildungs- und Universitätswesen und die Museumspolitik prägenden Persönlichkeiten der Zweiten Republik. Hans Haider hat ihr Leben mit Sorgfalt und Sympathie beschrieben. Manche in dem Buch Kritisierten werden ihre Kurzcharakteristik als unangebracht empfinden, andere werden darin einen Wahrheitsbeweis für eigene Erlebnisse und Ansichten finden. Dass Haider nicht zurückschreckt, die Höhen und Tiefen, die idealistischen Ansätze ebenso wie die gelegentliche Niedertracht der Politik dieses Landes zu kommentieren, macht seine Biographie zu einem Stück miterlebter Geschichte.
Hans Haider hat Elisabeth Gehrer eine sympathische Lebensdarstellung gewidmet und sich selbst eine Plattform für eine Fülle kulturkritischer Anmerkungen geschaffen. Sein Buch ist als Zeitdokument lesenswert.
Hans Haider: Elisabeth Gehrer. Reportage eines politischen Lebens. Edition Steinbauer 175 Seiten, 22,50 Euro.