• vom 21.09.2009, 16:33 Uhr

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Update: 21.09.2009, 16:37 Uhr
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Ein Volk der Überleber Österreich und Adolf H.

Haidinger, Martin / Steinbach, Günther: Unser Hitler


Von Andreas Unterberger
  • Ein Buch versucht, sich in die Menschen jener Zeit zu versetzen.
  • Waren viele nur deshalb für Hitler, weil er halt der Stärkere war?
  • Nicht schon wieder Hitler, denkt der Leser. Ein provokanter Titel, ein Dauerbrenner-Thema, ein aktueller Anlass (im 70. Jahr nach dem Weltkriegsbeginn): Und schon kann sich professionelles Marketing eines Bucherfolgs sicher sein.

Kurz nach Kriegsbeginn 1939, vor 70 Jahren: Adolf Hitler trifft auf dem Flugplatz von Warschau ein. Foto: dpa

Kurz nach Kriegsbeginn 1939, vor 70 Jahren: Adolf Hitler trifft auf dem Flugplatz von Warschau ein. Foto: dpa Kurz nach Kriegsbeginn 1939, vor 70 Jahren: Adolf Hitler trifft auf dem Flugplatz von Warschau ein. Foto: dpa

Doch dieser Eindruck tut dem Band "Unser Hitler" Unrecht. Er ist keine subventionierte Beschäftigungstherapie für arbeitslose Historiker. Er verliert sich nicht wie viele andere in ständig neuen Mikro-Details der NS-Jahre (in Kürze kommt zweifellos noch: "Das Telefon und die Nazis"). Das Buch ist vielmehr ein "Best of", eine Siebung und Auswertung anderer - korrekt zitierter - Studien über den Themenkreis "Hitler und Österreich". Aus der Unzahl vorhandener Studien trug man die interessantesten Fakten zusammen.

Martin Haidinger (ORF-Journalist, Historiker und Entertainer) sowie Günther Steinbach (früherer Spitzenbeamter des Sozialministeriums) ringen aber auch ständig mit großer Gewissenhaftigkeit um eine vorurteilsfreie Bewertung.

Das großkoalitionäre Duo drückt sich nicht um die Schuldfrage, geht aber auch nicht wie andere Autoren mit vorgefertigten Urteilen an den Nationalsozialismus heran. Die Autoren versuchen vielmehr, sich mit Empathie in die Menschen jener Zeit hineinzuversetzen. Das Ergebnis ist ein recht objektiver Überblick, der eine für die Nachgeborenen rätselhafte Zeit etwas besser zu verstehen hilft.

Die Österreicher hatten vor allem Angst

Das dabei entstehende Bild: Weder sind alle Österreicher Nazis gewesen, noch aber hat damals eine schweigende Anti-NS-Mehrheit heimlich die Protestfaust geballt. Die Autoren kommen vielmehr zu dem Schluss: Die Österreicher "waren und sind wohl ein Volk wie viele andere."

Die meisten wollten primär nur eines: überleben. Sie hatten vor allem Angst. 1945 etwa fürchteten sie - ob Nazis oder nicht - die Rote Armee. Konkrete Meinungen zur Person Hitlers hatten die Menschen eher selten, geschweige denn ein moralisches Urteil. Viele waren deshalb für ihn, weil er halt der Stärkere war - so wie sie für Schuschnigg gestimmt hätten, solange der stark schien.

Die Autoren zeigen Verständnis dafür, dass die Österreicher nach dem Krieg die ihnen von der Moskauer Deklaration zugewiesene Opferrolle internalisierten. Die ja von Nachgeborenen oft kritisiert wird. Diese Rolle war aber damals der einzige haltbare Kitt für das traumatisiert zerrissene Land.

Erschreckender Hinweis auf die Nachkriegsjahre

Trotz all dieser Empathie erschrickt der Leser ob der vielen Schilderungen, wie leicht und schnell sich viele Menschen in aktive Sadisten verwandeln können; wie viele der sogenannten Illegalen - aus Frust, dass ihnen nach dem Anschluss nur wenige Machtpositionen zugefallen waren? - sich später vor allem in Osteuropa und in Konzentrationslagern zu Bestien verwandelt haben; und wie wenige Landsleute das wagten, was man heute als Zivilcourage bezeichnet.

Interessant wie diskutabel ist die Haidinger-Steinbach-These, dass vieles von der 1938/39 vor allem Juden gegenüber gezeigten Niedertracht im Wesentlichen Verteilungskämpfe gewesen seien. Und jedenfalls erschreckend ist der Hinweis auf Umfragen der unmittelbaren Nachkriegsjahre, in denen ein guter Teil, bisweilen sogar die Mehrheit der Österreicher der nationalsozialistischen Ideologie noch immer Positives abgewonnen haben. Die Autoren vergleichen das mit den Russen, die auch heute Stalin in der Spitzengruppe ihrer Beliebtheitsskala haben.

Auch wenn das Buch "Unser Hitler" heißt, bleiben die Passagen über den obersten Nazi-Führer schon rein quantitativ deutlich hinter anderen Werken zurück. Der zentrale Akzent der Autoren in Hinblick auf Hitler liegt auf dessen Vaterhass, aus welchem auch sein Hass auf das Vaterland Österreich entstanden sei.

Wider den Zeitgeist der Historikerzunft löckt der Hinweis, dass Hitlers Antisemitismus erst in München voll ausgebrochen ist, dass es für die Wiener Zeit hingegen keine einschlägigen Beweise gibt. In Wien habe sich Hitler sogar für Gustav Mahler emotional engagiert.

Darstellung einzelner Schicksale dominiert

Viel mehr Platz widmen die Autoren der paradigmatische Darstellung einzelner Schicksale: von jüdischen Österreichern, von chancenlosen Widerstandskämpfern, von Parteifunktionären, Soldaten, Illegalen, prominenten Schauspielern und einfachen Menschen, die begeistert, verängstigt oder naiv durch jene Jahre getaumelt sind. Man bekommt die Unruhe der Jugend fast körperlich zu spüren, die vor 38 zwischen Nationalsozialismus, Wandervogelbewegung, Kommunismus und Kirche hin und her gerissen war.

Wir begegnen Arbeitern, die mit wehenden Fahnen zu Hitler wechseln. Wir begegnen Nationalsozialisten, die gegen Hitler waren. Wir begegnen sogar Juden, die anfangs - den Antisemitismus übersehend - Sympathien für die Nazis hatten. Wir erleben, wie der Ständestaat zur teilweisen Annäherung von Rot und Braun geführt hat.

Uns tritt eine katholisch-konservative Landbevölkerung entgegnen, welche die relativ größte Immunität gegenüber den Nazis gezeigt habe. Und eine Kirche, in der es sowohl nationalsozialistische Priester wie auch Nester des Widerstandes gegeben hat. Zu diesem zählte auch Kardinal Innitzer - trotz seines (vom Papst bald heftig gerügten) Ja-Aufrufs zu Hitlers Volksabstimmung.

Österreicher nicht brauner als Deutsche




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