"Denn wie könnte aus einem Ochsen Jupiter werden?" Wem angesichts dieses Satzes sofort das lateinische Sprichwort "quod licet Jovi non licet bovi" einfällt, der ist ein Leser nach dem Geschmack Tymofiy Havrylivs. Denn dieser ukrainische Schriftsteller, Germanist und Übersetzer bewegt sich vor allem durch das unerschöpfliche Gelände der literarisch-mythologisch-historischen Bezüge. Da der sehr gebildete Autor auch die osteuropäische Tradition im Blick hat, sind Westeuropäer allerdings an vielen Stellen des Textes mit ihrem Latein am Ende.
Das Liebespaar Ruslan und Ludmila etwa, das Havryliv einmal beiläufig erwähnt, entstammt anderen kulturellen Gefilden als der Gott Jupiter. Und so gibt es vieles, was sich - zumindest bei der ersten Lektüre - nicht unmittelbar erschließt. Doch ist das der Leselust nicht abträglich, zeigt es doch nur, wie vieles Schöne jenseits des Bekannten noch zu erlernen und zu erleben ist.
Der 1971 geborene Havryliv lebt in Lemberg, dem kulturellen Zentrum der Westukraine. Dort nimmt sein Schreibvorhaben auch seinen Ausgang. Die Frage, die den Text durchzieht, lautet: "Wo ist sie, diese Ukraine . . . Im Osten oder im Westen?" Dass diese Frage nicht geschichtswissenschaftlich oder soziologisch beantwortet wird, zeigt schon der mythologisch aufgeladene Titel des Buches: "Wo ist dein Haus, Odysseus?" Wenn von Odysseus die Rede ist, dürfen die Leser auf die Darstellung einer Irrfahrt hoffen.
Tatsächlich porträtiert Havryliv einen ukrainischen Ich-Erzähler, der nicht nur in Büchern und Mythen unterwegs ist, sondern auch im derzeitigen Europa der offenen Grenzen. Als Reisender kennt er die großen Zugstrecken und Bahnhofs-Wartesäle; er durchstreift Paris, Berlin, Wien und andere Städte, und begegnet überall Menschen, die versuchen, der neuen Mobilität durch ein entsprechend bewegliches Bewusstsein gerecht zu werden. Insbesondere trifft er immer wieder auf ukrainische Reisende, die in den Zentren der EU Geld verdienen wollen. Doch entstehen dabei keine realistischen Migrations-Reportagen. Hier ist ein Dichter unterwegs, der sich eine eigene Welt erträumt.
Eine "Handlung", die in wenigen Worten nachzuerzählen wäre, enthält das Buch nicht. Stattdessen mischen sich gelehrte Anspielungen mit scharf beobachteten Wirklichkeitssplittern und surrealen Fantasien. So wird etwa einmal berichtet, jene Lateinamerikaner, die in Wien für die Rückgabe von Montezumas Federkrone demonstrieren, seien in Wahrheit ukrainische Studenten, die gegen Bezahlung als "typische mitteleuropäische Indianer" aufträten.
Gewiss ist es irreführend, ein solch witziges (und zuweilen auch aberwitziges) Buch als "Roman" zu bezeichnen, wie es der Verlag und wahrscheinlich auch der Verfasser tun. Havrylivs Prosatext, der von Harald Fleischmann kongenial in ein hoch elaboriertes Deutsch übertragen wurde, wäre zutreffender mit dem schönen Ausdruck "längeres Gedankenspiel" beschrieben, den Arno Schmidt für seine eigenen Bücher prägte. Und wenn jetzt jemand ungeduldig wird und fragt: "Aber wen interessiert denn so etwas Schwieriges?", dann kann der Rezensent in aller Bescheidenheit antworten: "Mich zum Beispiel."
Tymofiy Havryliv: Wo ist dein Haus, Odysseus? Roman. Aus dem Ukrainischen von Harald Fleischmann. Ammann Verlag, Zürich 2009, 297 Seiten, 22,60 Euro.