"Entweder habe ich heute weniger Geduld als gewöhnlich oder der kleine Mann strapaziert sie noch mehr als sonst, aber es kommt mir wirklich so vor, als ob er mich mit mehr Fragen, Hinweisen und Beobachtungen gepeinigt hätte, als man von einem sterblichen Vater verlangen kann", notiert der amerikanische Schriftsteller Nathaniel Hawthorne am 3. August 1851 in sein Tagebuch. Zwanzig Tage lang ist der Autor mit seinem fünfjährigen Sohn Julian allein in ihrem kleinen roten Bauernhaus in Massachussetts - und führt Buch über diese Zeit. Seine Frau ist während der drei Wochen mit den beiden anderen Kindern zu Verwandten verreist.
Manchmal ist Hawthorne - einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Romantik - mit seinem kleinen Plappermaul überfordert, abends ist er meist erschöpft. "Beim Zubettgehen verwöhnte ich ihn mit dem, was er fast lieber als alles andere hat - ein wildes Scheingefecht, bevor ich ihn auszog, und um sieben Uhr war er endlich in den Federn."
Die beiden verbringen beschauliche, friedliche, unaufgeregte Sommertage miteinander. Sie stehen um halb sieben Uhr auf, dann holen sie Milch, unternehmen Spaziergänge, Ausflüge zu einem nahen See, holen Briefe vom Postamt, füttern Hühner, retten eine Katze, die in eine Zisterne gefallen ist, kümmern sich um ein kleines Kaninchen. Der kleine Gentleman, wie Hawthorne seinen Jungen oft bezeichnet, reitet liebend gerne auf seinem Schaukelpferd und kämpft beim Spazieren gegen Disteln und Wollkraut. Die Mahlzeiten fallen aus heutiger Perspektive oftmals karg aus: "Zum Mittagessen gab ich ihm Brot und Wasser, und einen kleinen Rest Mehlpudding, und ich selbst aß ein Stück Kuchen und eine Gurke."
An den Abenden fühlt sich Hawthorne einsam, ist untröstlich, liest kaum, weil er müde ist. Intellektueller Höhepunkt der Tage mit seinem Sohn ist der Besuch von Herman Melville, der sechs Meilen entfernt wohnt und an "Moby Dick" arbeitet, welchen Roman er seinem Freund Hawthorne schließlich widmet. Die beiden führen ein Gespräch "über Zeit und Ewigkeit, Dinge von dieser Welt und der nächsten, über Bücher und Verleger und alle möglichen und unmöglichen Angelegenheiten, das bis tief in die Nacht andauerte. Wenn ich die Wahrheit gestehen soll, rauchten wir Zigarren sogar im heiligen Bezirk des Wohnzimmers."
Hawthornes kleiner Text, von Paul Auster in einem ausführlichen, konstruktiven Nachwort kommentiert, ist ein unspektakuläres, doch charmantes Stück Literatur. Es ist schön, dass das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, in der Literatur üblicherweise konfliktreich und dramatisch dargestellt, hier einmal auf ganz andere Weise verhandelt wird. Die Hawthornes haben ihre Kinder unüblich liberal für damalige und wohl auch heutige amerikanische Verhältnisse erzogen, ihnen viele Freiräume überlassen und auf Strafen weitgehend verzichtet.
Es berührt, wie ehrlich Hawthorne sein Verhältnis zu seinem kleinen Sohn beschreibt - und wie sehr er sich nach der Rückkehr seiner Frau sehnt: "Kein Mann hatte je eine so gute Frau, keiner hatte bessere Kinder. Wenn ich ihrer nur würdiger sein könnte!"
Hawthornes Aufzeichnungen sollten nicht als Eltern- oder Erziehungsratgeber gelesen werden - tut man es trotzdem, ist es auch nicht falsch.
Nathaniel Hawthorne: Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny. Übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2011, 123 Seiten, 18 Euro.