Von drohender Altersarmut ist viel die Rede in Zeiten, da immer weniger Jüngere immer mehr Ältere mit ihren Rentenbeiträgen zu versorgen haben. Rüdiger Stolzenburg wird vermutlich zu jenen gehören, bei denen die Rente hinten und vorne nicht reicht. Er ist 59 Jahre alt und hat nie den Absprung geschafft von seiner halben Dozentenstelle an einem kulturwissenschaftlichen Institut. Stolzenburg gehört dem an, was man als akademisches Prekariat bezeichnen könnte: hoch gebildet, schlecht bezahlt, ohne Sicherheit - und ohne Familie. Die Grenze zwischen Bindungsunwilligkeit und -unfähigkeit ist bei Stolzenburg fließend, und dass seine eigentliche Liebe einer Gestalt des 18. Jahrhunderts gehört, passt nur ins Bild.
Friedrich Wilhelm Weiskern - eine reale Gestalt - heißt das Spezialgebiet Stolzenburgs, und der Traum, irgendwann einmal eine Ausgabe mit Texten und Briefen dieses Schauspielers, Kartografen und Librettisten Mozarts zu veröffentlichen, wird wohl immer ein solcher bleiben.
Diesen Wissenschafter schickt Christoph Hein in die verschiedensten Gefechte des Lebens: Das Finanzamt erhebt eine Steuernachforderung; ein Händler will ihm gefälschte Weiskern-Autografen andrehen; dazu kommen Frauengeschichten und die drohende Schließung des Instituts. . .
Christoph Hein erweist sich als ebenso genauer wie ironischer Beobachter unserer Wirklichkeit und schafft mit Stolzenburg eine Gestalt, die irgendwo zwischen Hagestolz und Ritter von der traurigen Gestalt angesiedelt ist und es dem Leser nicht leicht macht, mit ihr zu sympathisieren. Aber dafür sind literarische Helden ja auch nicht da.