Josefine Bartok, von allen Josi genannt, wird von ihrem Mann nach zwanzig Jahren Ehe verlassen - wegen eines Mannes. Es ist ihr zweiter großer Schicksalsschlag innerhalb kurzer Zeit, ein paar Jahre zuvor wurden Josi bei einer Krebsoperation die Brüste entfernt. Die Frau stürzt in eine Identitätskrise. Als Psychiaterin weiß sie ihr Schicksal nüchtern zu reflektieren, fühlt sich ihren Gefühlen zwischen "Depression und Dynamit" aber dennoch hilflos ausgeliefert. Sie beschließt, ihr zartes, androgynes Wesen künftig durch das Tragen von Hosenanzügen zu unterstreichen.
Ihre erwachsenen Kinder Bruno und Klara wollen sie auf andere Gedanken bringen: Sie schicken ihre Mutter zu einem Seminar von Michael Köhlmeier auf die griechische Insel Hydra. Dort lernt Josi den verheirateten Max kennen, mit dem sie später in Wien eine Affäre beginnt. Und sie freundet sich mit der zwölfjährigen Tochter von Köhlmeier und Monika Helfer an - Paula, ein reizendes, frühreifes Mädchen, das Josi mehr Trost vermitteln kann als die eigenen Kinder. Die beiden wählen sich vier Zeilen aus einem Gedicht von Robert Frost als Code für ihre Freundschaft: "Des Waldes Dunkel zieht mich an, doch muss zu meinem Wort ich stehn und Meilen gehn, bevor ich schlafen kann, und Meilen gehn bevor ich schlafen kann."
Josi entkommt der Konfrontationmit der Trauer aber auch auf Hydra nicht. Bei ihrer Ankunft selbst in die Rolle der Trösterin gedrängt, unterschätzt sie ihr Trostpotenzial: "Sie beide, die junge Frau und Josi, waren zu klein, um sich über den Tresen hinweg zu umarmen. Auch wenn sie sich auf die Fußspitzen stellte, gelang es Josi nicht, mit ihrer Stirn die Stirn der jungen Frau zu berühren. Was ihnen beiden gut getan hätte. Als sich Josi umdrehte, sah sie einen der Herren lautlos in die Hände klatschen. Alles geriet durcheinander."
Ja, alles gerät in diesem Roman durcheinander, und in die Begegnungen und Beziehungen schleichen sich unablässig Missverständnisse ein - bis Paula auftaucht und zwischen Josi und ihr eine innige Freundschaft beginnt, die weniger aus der Konstruktion des Romans und Josis Charakter erklärbar ist, als aus der Realität, die hinter dem Buch steht: Es ist wohl die Sehnsucht einer realen Mutter nach ihrer verstorbenen Tochter, die hier wesentlich Ausdruck gefunden hat.
Paula hilft Josi mit ihrer spontanen und aufrichtigen Art, sich anderen Menschen gegenüber wieder zu öffnen. Die übrigen Romanfiguren, obschon zum Teil durchaus interessant gezeichnet, treten neben dem sympathischen Mädchen in den Hintergrund.
Möglicherweise wollte Monika Helfer durch das Aufgreifen vieler Themen den biografischen Aspekt zurückdrängen: Homosexualität, Lebens- und Identitätskrisen, Sinnsuche, Freundschaft, auseinanderbrechende Familie. Die Themenvielfalt lässt aber eine tiefer führende Auseinandersetzung vermissen. Das erklärt sich zum Teil aus der psychischen Befindlichkeit Josis. Sie hat keine Lebensrezepte mehr parat, kann und will auch keine solchen liefern. Sie flüchtet in Zynismus oder in Wut, zeigt wohltuende Ansätze von Humor, oft bleibt aber nur die blanke Ratlosigkeit. Die Autorin führt ihre Protagonistin schrittweise voran, scheinbar ohne großen Dramaturgie- bzw. Lebensentwurf, das Ziel ist vorläufig unbekannt. Dazwischen jedoch gibt es Szenen, die tief berühren und Momente voll großer Weisheit, die das Leben in seinen konzentriertesten Phasen zeigen und belegen, dass Begegnungen ohne Missverständnisse möglich ist.
Monika Helfer: Bevor ich schlafen kann. Roman. Deuticke Verlag, Wien 2010, 222 Seiten, 18,40 Euro.