Verachtet mir die Amateure nicht!, möchte man nicht nur den erfolglosen Profis (seien´s Sportler oder Schriftsteller) zurufen, sondern auch dem Publikum, das bekannten Namen lorbeerreichen Vorschub leistet. Manche Nebenerwerbsautoren, wenn man so sagen darf, publizieren gute, lesenswerte Prosa!
Nach dem Wiener Rechtsanwalt Alfred J. Noll, der kürzlich in der "Kannitz"-Parabel die Gegensätze und Widersprüche zwischen moralischer Legitimität und staatlichen Rechtsordnungen behandelt hat ( siehe 'extra' vom 26.2. 2011 ), legt nun der Grazer Internist Albert Holler einen historischen Roman über ein zeitloses Existenzproblem vor. Wie ist´s für den Menschen um die Hölderlinsche "Freiheit, aufzubrechen, wohin er will", bestellt? Inwieweit können wir selbst unser Schicksal bestimmen, zumal wenn die Weltgeschichte in unsere Lebensläufe eingreift?
Nach dem Untergang der Habsburger Monarchie und der Gründung des Königreichs Jugoslawien begann für die deutschsprachige Minderheit in Slowenien eine neue Zeit. "Kajser haben wir keinen mehr, jetzt ist der Kenig" , hieß es im "Gostilnah Cah, Gasthaus Zach, vormals Einkehr zum Kaiser Franz" , und der neue Kenig war weit weg im Süden, "in Böllgrad" .
Von Untergang und Übergang, von Umsturz und Neubeginn ist in diesem Buch die Rede, exemplarisch dargestellt am Schicksal des Karl H., geboren 1920 in Maribor. Während sich manche seiner Zeitgenossen in den dreißiger Jahren der kommunistischen Bewegung anschließen, wird er nationalsozialistisch infiziert und will am Aufbau des tausendjährigen deutschen Zukunftstraums mitwirken.
Karl verlässt seine Heimatstadt und findet Anstellung beim Kraftwerksbau im alpinen Kaprun, wird jedoch bald zur Wehrmacht eingezogen und auf Grund seiner "slawischen Sprachkenntnisse" Übersetzer bei Gestapo-Verhören mit Partisanen.
Vor Kriegsende befindet er sich in Triest; einerseits geplagt von Zweifeln über seine wahre Identität, plant er andererseits schon für die nächste neue Zeit. "Die Sache des Krieges", sagt er sich jetzt, "war nicht die seine gewesen. Er hatte das böse Ende lange vorausgesehen. Die Deutschen hätten diesen Krieg nicht führen sollen. Oder sie hätten alles anders machen müssen. Er war Deutscher, aber er gehörte nicht zu den Deutschen, die den großen Krieg angefangen hatten."
Im Mai 1945 verwandelt sich Karl - wieder ein Übergang - in einen österreichischen Zivilisten und gelangt in den wirren Wochen des jungen Friedens auf wundersam abenteuerliche Weise wieder nach Kaprun.
Albert Holler erzählt das Schicksal dieses jungen Mannes, der zwischen den Trümmern der Geschichte seinen Lebenssinn sucht, klar, genau, unsentimental, beschreibt Gegenstände, Gefühle, Personen und Situationen knapp, kurz, bündig. Wie gesagt: gute, lesenswerte Prosa.
Albert Holler: Entfernte Heimkehr. Roman. Residenz Verlag, St. Pölten/Salzburg 2011, 201 Seiten, 21,90 Euro.