
Betritt der Leser also eine Spielwiese für Altertumsfreaks, oder hat das Thema auch für die Gegenwart Relevanz? Eine erste Antwort gibt das Geleitwort: Der Geist brauche Metropolen, brauche politisch-wirtschaftliche Zentren, denn diese versorgten ihn mit reichlich Nährstoff. Die Alimentierung (der Wissenschaft, der Künste) erfolge jedoch, so die Autoren, nicht selbstlos: "Denn Metropolen brauchen den Geist."
"Metropolis" bedeutet im alten Griechenland "Mutterstadt": ein Zentrum, das seine Politik und Religion in Pflanzstädte aussät. Die moderne Welt begreift den Begriff "Metropole" als Chiffre für eine Urbanität, "die sich durch ein Mehr auszeichnet: ein Mehr an Bevölkerung, an Ressourcen, an Kraft und Aufmerksamkeit, an ethnischer oder kultureller Diversität." Dieses Mehr ufere dann im Typus der rasant wachsenden Mega-City aus.
Existentielle Fragen
Das Werden einer Metropole ist ein offener Prozess. Und er ist umkehrbar. Doch worin besteht ihr "überdauerndes Mehr"? Ihr Geist versteinert zu Architektur, besteht aber auch losgelöst vom Ursprung fort: im Schrifttum, im Kunstwerk. Manch Stadtname verdichtet sich gar zur Metonymie: so steht Babylon für zivilisatorische Hochleistung (Turm) wie für städtische Dekadenz (Hure Babylon).
Gründer- oder Verfallszeiten von Metropolen begünstigten das Entstehen von Schrifttum zu den großen Fragen der Existenz. Diese Texte würden durch spätere Kanonisierung zu "Klassikern", was der Stadt erst ihren Status einer "Metropole des Geistes" sichere. Autor Hans van Ess stellt Chinas erste Kaiserstadt Ch'ang-an (heute Xi'an) vor - und verlangt Nicht-Sinologen einige Aufmerksamkeit ab. Doch Durchhalten lohnt, gilt es doch eine Metropole zu entdecken, die sich gekonnt selbst mythisierte: als Entstehungsort der kanonischen Literatur Chinas; die Stadt lässt ihren Text-Kanon in Stein meißeln (der legendäre Stelen-Wald von Xi'an) und vergattert ihre Beamten zum Studium dieser Texte.
Einen aktiven Beitrag zum Literatur-Kanon lieferten indes Thebens Beamte: In biografischen Grabinschriften stellten sie ihre besonderen Leistungen "nicht nur kriegerischer, sondern auch geistiger Art" heraus, erläutert Günter Burkard in seiner Studie.
Im heidnischen Rom des Augustus rückt die Beamten-Literatur in den Hintergrund. Hier treten die Großen der Zunft an: Vergil, Horaz oder Ovid. Sie brillieren in Epos und Elegie, wie auch im Lob und Tadel der urbs. Ovids parodistische "Ars amatoria" preist Rom als Stadt der Venus: "Mädchen wird Rom so viele, so schöne dir darbieten . . ., Mädchen, die's wirklich noch sind . . . Es werden dir tausend gefallen." Ein Schelm, der da denkt: Italiens Cavaliere habe wohl seinen Ovid gelesen!
Schade nur, dass Autor Niklas Holzberg jegliche (ernsthafte) Wirkungsgeschichte der Ewigen Stadt ausspart. Schade auch, dass dieser Band weder den Gedanken "Metropolen brauchen Geist" ins Heute holt, noch die Kommerzialisierung dieses Kulturerbes thematisiert. Ein interessantes Buch, das der Fortsetzung harrt.
Martin Hose und Christoph Levin (Hrsg.): Metropolen des Geistes. Insel Verlag, 222 Seiten, 22,80 Euro.