Die alte "Rheinfrage" (wem gehört das linke Ufer) hat einen deutsch-französischen Dichterkrieg entfacht, doch Poeten und Künstler beider Nationen stehen weiter im Bann der Rheinromantik. Dies sind die Vorzeichen, unter welchen Frankreichs Nationaldichter Victor Hugo 1839/40 seine Rheinfahrten unternimmt. "Der Rhein ist ein edler Fluß: aristokratisch, republikanisch, kaiserlich. . . Die gesamte europäische Geschichte . . . liegt in diesem Fluß der Krieger und Denker", schreibt der Poet an einen fiktiven Freund. Die gesammelten Briefe erschienen 1842/45 unter dem Titel "Der Rhein". Der Insel Verlag hat Auszüge neu aufgelegt und mit "Rhein"-Zeichnungen des Autors illustriert (schaurige Clair-obscurs, Klecksographien und vormoderne Abstraktionen).
Ob Aachen oder Bacharach, Köln oder Heidelberg: Hugos Rhein-Preisung fußt auf persönlichem Erleben, Mythen, Burgenromantik - und auf Antithesen. Der Strom verbindet Gestern und Heute, Wirtschaft und Geist, Fakten und Visionen. Hugos Geschichtsphilosophie indes: "Die Geografie gibt Frankreich das linke Rheinufer. Die göttliche Vorsehung hat ihm dreimal beide Ufer gegeben", wandelt sich in der (leider nicht abgedruckten) "Conclusion": Dort träumt er den Rhein als Ader eines geeinten Europa.
Mit Vorliebe blickt Hugo von Türmen aus ins Land - wohl eine Spiegelung der erhabenen Dichter-Warte. Trägt er die schwarzromantische Brille, mutiert der Kölner Dom (damals noch Baustelle) zum "monströsen Igel"; erlischt die "grandeur crépusculaire", drängen Kräne ins Bild, übertönen Sägen die Choräle.
Und die Menschen vom Rhein? Hugo würdigt sie als Hüter des Kulturerbes oder Bezwinger der Elemente. Etwa jenen Rheinschiffer, der ihn zur Insel mit dem "Mäuseturm" übersetzt. Die Ruine fasziniert den Dichter seit Kindestagen: ein Stich hing im Elternhaus; ein deutsches Hausmädchen kannte die schaurige Sage dazu. Noch einmal verliert sich der Romantiker in halluzinatorischen Visionen (welches Höllenfeuer flackert in dem Gemäuer?), um dann, auf dem Boden der Realität angelangt, den positivistischen Schluss zu ziehen: In den Trümmern der Vergangenheit schmieden zwei Schmiede buchstäblich an der Zukunft; die "Schatten lösen sich auf. . ., es wird Tag, das zivilisatorische Leben gestaltet sich neu."
Victor Hugo: Der Rhein. Auszüge, mit Zeichnungen. Aus dem Französischen von Annette Seemann. Insel Bücherei, Berlin 2010, 109 Seiten, 14,20 Euro.