• vom 24.04.2009, 14:31 Uhr

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Update: 02.04.2012, 12:21 Uhr
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An jeder Ecke wartet der Tod

Jehoschua, Abraham B.: Freundesfeuer


Von David Axmann
  • Familiengeschichte zwischen Tel Aviv und Ostafrika: Abraham B. Jehoschuas Meisterwerk "Freundesfeuer".

Er ist ein wenig besorgt, weil sie allein gereist ist. Zum ersten Mal in den 37 Jahren ihrer Ehe, und noch dazu nach Afrika. Doch wird sich dort ihr Schwager um sie kümmern, außerdem bleibt sie ja nur eine Woche lang fort und hat versprochen, sich gleich nach der Ankunft zu melden. Amotz Jaari wird während der Abwesenheit seiner Frau Daniela nicht langweilig werden.

Einerseits hält ihn, einen sechzigjährigen Bauplaner aus Tel Aviv, sein Beruf auf Trab: Im Aufzugsschacht eines von seinem Unternehmen entworfenen Hochhauses ist ein Konstruktionsfehler entdeckt worden; diesen zu finden und zu beseitigen, wäre ihm die Hilfe seines in der selben Firma tätigen Sohnes Moran sehr willkommen - doch der wurde eben jetzt in seiner Funktion als Reserveoffizier zu einer Militär-übung eingezogen. Andererseits hat Amotz als Strohwitwer sich um die Familie zu kümmern - vor allem um seine beiden Enkelkinder und um seinen an Parkinson leidenden, von Filipinos gepflegten Vater Joel, der ihm erst heute notgedrungen gesteht, dass er vor langer Zeit eine Geliebte in Jerusalem hatte: ihr müsse jetzt, fordert Joel, geholfen werden, ich habe ihr einst lebenslange Hilfe versprochen, und du wirst mir helfen, das Versprechen einzulösen, mein Sohn.

Sie ist ihm ein wenig böse, weil er sie nicht nach Afrika begleitet. Obwohl sein Argument ja durchaus einleuchtend ist: Du willst, sagt Amotz, dort, wo deine Schwester Schuli jahrelang gelebt hat und gestorben ist, um sie trauern - dabei würde ich nur stören.

Daniela, eine 57-jährige Englischlehrerin aus Tel Aviv, macht sich also allein auf den Weg nach Tansania. Ihr Schwager Jirmijahu, früher bei der israelischen Handelsmission in Daressalam tätig, jetzt Verwalter bei einem anthropologischen Ausgrabungsteam, wird sie am Flughafen abholen und beherbergen. Nicht zum ersten Mal kommt sie nach Afrika, doch diesmal - ohne den nüchternen, sachlichen Ehemann an ihrer Seite - wirkt die elementare Kraft dieses Kontinents viel stärker und tiefer auf ihr Gemüt ein.

Zum ersten Mal allerdings kommt sie der wunden, wehen Seele ihres verwitweten Schwagers näher: Schroff, grob, ja zornig jeden Gedanken an das aktuelle Geschehen in Israel vertreibend, will er in der afrikanischen Einsamkeit seine "Identität abschälen" und alles Vergangene vergessen. Doch in Danielas einfühlsamer, fordernder Gegenwart öffnet er sich widerstrebend und klagt: "Du bist doch wegen Schuli nach Afrika gekommen, und am Ende zwingst du mich, über Ejal zu reden."

Was macht ein Meister wie Abraham B. Jehoschua aus diesen epischen Bausteinen? Ein Meisterwerk. Eingefügt in die Struktur einer Parallelerzählung, wobei die Amotz- bzw. Israelpassagen mit jenen des Daniela- bzw. Afrikaberichts regelmäßig wechseln, und in den zeitlichen Rahmen eines Chanukkafestes, entfaltet sich Kapitel um Kapitel - vom zweiten bis zum achten Licht - das nicht unkomplizierte Beziehungsgeflecht der Familie Jaari; und zwar dank einem so grandiosen wie sympathischen auktorialen Erzähler, der sich nicht auf seine Autorität beruft, sondern auf seine Sympathie zu der Familie, deren offene Herzlichkeiten er so lebendig, natürlich und klug zu beschreiben weiß, wie er deren dunkle Sehnsüchte mit psychologischer Präzision aufzuhellen und auszuleuchten versteht.

So geht uns bei der allmählichen Enthüllung dieser jüdischen Geschichte ein Licht nach dem andern auf, bis wir begreifen: an jeder Ecke des Lebens, in Tel Aviv wie in Ostafrika, stößt diese Familie auf den Tod. Auf die Erinnerung an Ejal, den Sohn von Jirmijahu und Schuli, der in jungen Jahren bei einem militärischen Einsatz in den besetzten Palästinensergebieten getötet worden ist: von seinen eigenen Kameraden, irrtümlicherweise für einen Feind gehalten, getötet im "freundlichen Feuer", wie der teuflisch-euphemistische Fachbegriff heißt.

Gewiss, natürlich, das Leben geht weiter, das muss es ja, das ist ja sein Sinn. Aber an jeder Ecke stößt du auf den Tod.

Abraham B. Jehoschua: Freundesfeuer. Roman. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Piper Verlag, München 2009, 476 Seiten, 23,60 Euro.




Schlagwörter

Literarisches Buch

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