Adornos bekanntes (und fast immer falsch zitiertes) Diktum "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch" übergeht wohlweislich die Grundfrage, wer berechtigt ist, das zu behaupten. Die wissenschaftliche Kultur- und Gesellschaftskritik darf sichs jedenfalls nicht anmaßen, den Dichtern vorzuschreiben, was sie zu denken, fühlen und dichten haben. Die Lyrik ist nach Auschwitz nicht verstummt, und in manchen Gedichten lebt Auschwitz fort. Etwa in jenen, die russische Juden in finsterer Zeit geschrieben haben, in der Stalin-Ära und danach.
Ein Auswahlband dokumentiert dies anhand von Gedichten namhafter Autoren (Ilja Ehrenburg, Joseph Brodskij) und kaum bekannter Poeten, wie Alexander Galitsch, der das Gedicht "Der Zug" schrieb: "Doch bedenke: Der Zug ist zur Abfahrt bereit, / Heute und alle Zeit . . . / Nach Auschwitz fährt unser Zug! / Nach Auschwitz fährt er uns! / Heute und alle Zeit . . ."
Gennadi E. Kagan (Hrsg.): "Mir träumt jetzt von Auschwitz unentwegt...". Gedichte russischer Juden aus finsterer Zeit. Ins Deutsche übertragen von Gennadi E. Kagan. Böhlau Verlag, Wien-Köln-Weimar 2011, 157 Seiten, 29,90 Euro.