
(Wei) Der katholische Journalist und Schriftsteller Rudolf Kalmar war einer jener Männer, die als politische "Schutzhäftlinge" nach dem "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland verhaftet und in das KZ Dachau deportiert wurden. Neunzig Monate nach seiner Festnahme kehrte er im Herbst 1945 in seine vom Kriegsgeschehen verheerte Heimatstadt Wien zurück. Im Jahr darauf erschien sein eindrucksvoller Erlebnisbericht über das Inferno, das er in einer der Todesmühlen des verbrecherischen NS-Regimes durchlitten hatte. Das Buch, das seinerzeit internationales Aufsehen erregte, wurde dankenswerterweise, mit einem Kommentar und Anmerkungen zu seiner Rezeptionsgeschichte versehen, der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.
Kalmars "Zeit ohne Gnade" nimmt in der österreichischen Lagerliteratur ob seiner vom Autor mit Erfolg erstrebten stilistischen und literarischen Qualität eine besondere Stellung ein. Das Grauen des KZ-Alltags, die außermenschlichen Bestialitäten, die teuflischen Foltermethoden, die die SS-Schlächter, Scheusale in Menschengestalt, an den Häftlingen verübten, mit dem Anspruch auf schriftstellerische Wertschätzung darzustellen, scheint unlösbar und widersinnig zu sein. Kalmar gelingt dieses Kunststück jedoch mit sprachlicher Meisterschaft, einprägsamen Bildern und eindringlicher, scharfsichtiger Unmittelbarkeit. Dass er am Ende des Buches Mitleid mit SS-Leuten bekundete, die in der zerbombten Stadt Ziegelschutt wegschaufelten, hat ihm von einigen seiner Leidensgefährten Kritik eingetragen. Satanischer Unmenschlichkeit dürfe man nicht mit Humanität, selbst nicht mit christlicher Gnade begegnen. Viktor Matejka, der legendäre kommunistische Wiener Stadtrat für Kultur und Volksbildung, warf Kalmar in einem Schreiben sogar vor, "nichts dazugelernt" zu haben.
Rudolf Kalmar: Zeit ohne Gnade. Metroverlag, 272 Seiten, 16,90 Euro.