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Update: 23.01.2009, 16:16 Uhr
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Spielerische Spiegelungen

Kehlmann, Daniel: Ruhm


Von Peter Mohr
  • Daniel Kehlmanns Episoden-Roman "Ruhm" erweist sich als reizvolle künstlerische Schelmerei - ein neues Meisterwerk ist er aber nicht.

Daniel Kehlmann. Foto: Sven Paustian

Daniel Kehlmann. Foto: Sven Paustian Daniel Kehlmann. Foto: Sven Paustian

Man mag es kaum glauben, dass Erfolgsautor Daniel Kehlmann dieser Tage erst seinen 34. Geburtstag feierte. Immerhin ist es schon zwölf Jahre her, als er mit dem immer noch unterschätzten Roman "Beerholms Vorstellung" debütierte. 2003 schaffte der gebürtige Münchener mit Wiener Wurzeln den Durchbruch mit "Ich und Kaminski", zwei Jahre später landete der passionierte Bogenschütze mit "Die Vermessung der Welt" bei Kritik und Publikum einen gigantischen Erfolg: Die fiktive Doppelbiografie um die Wissenschafter Gauß und Humboldt wurde in 40 Sprachen übersetzt und rund 1,5 Millionen Mal verkauft. Aus dem Geheimtipp Kehlmann wurde gleichsam über Nacht ein Star der internationalen Literaturszene.

Kehlmann sucht nicht das gleißende Scheinwerferlicht, weiß sich aber dennoch effektvoll in Szene zu setzen. Die Rolle des geltungssüchtigen, eitlen Stars ist ihm fremd, in Interviews spielt er stattdessen gern den naiv-neugierigen, experimentierfreudigen Jüngling. Sein neues Buch "Ruhm", so ließ der Autor im voraus verlauten, sei sein formal bisher anspruchsvollstes Werk.

Nach vier Romanen, einer Novelle und einem Erzählungsband im eher traditionellen Tonfall hat der Autor Kehlmann tatsächlich neues erzählerisches Terrain betreten. In "Ruhm" stehen neun Episoden mit unterschiedlichen Handlungsfiguren locker nebeneinander. Sie alle sind Grenzgänger in einem diffusen Niemandsland - irgendwo zwischen Traum und Realität, zwischen ironischer Brechung und erzählerischer Meta-Fiktion angesiedelt. "Wenn dies eine Geschichte war, so würde etwas passieren und es würde schwer werden, und wenn es nicht schwer werden würde, dann war es keine Geschichte." Das klingt gleichermaßen bedeutungsschwanger wie beliebig, aber keinesfalls nach massenkompatibler Bestsellerprosa.

Daniel Kehlmann spielt mit seinem Handlungspersonal und mit seinen Stoffen, die Rolle des Schriftstellers wird gleich durch drei verschiedene Figuren gespiegelt und herzerfrischend komisch ausgeleuchtet. Eine Krimiautorin verschwindet spurlos auf einer Fernreise, ein berühmter Schriftsteller namens Miguel Auristos Blancos (er erinnert wohl nicht zufällig an Paulo Coelho) treibt als Romancier mit semi-therapeutischer Prosa ("Der Weg des Selbst zu seinem Selbst") sein Unwesen, und mit der Leo-Richter-Figur hat Kehlmann eine Art Alter Ego installiert.

Es liest sich herrlich amüsant, wenn die Schöpfer mit ihren literarischen Figuren kommunizieren und in handfeste verbale Auseinandersetzungen geraten. Dichtung und Wahrheit lässt Kehlmann nicht nur im Fall der an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten Frau aus einem Richter-Text fließend ineinander übergehen. "Ich weiß nicht, wer ihr beigebracht hat, so zu reden. Es passt nicht zu ihr, es ist ein Stilbruch, es beschädigt meine Prosa. Nimm dich bitte zusammen!", fleht der Autor seine todkranke Figur an.

Neben dem leichthändigen Spiel mit dem dichterischen Schöpfungsprozess werden in diesen Episoden auch die unterschiedlichsten Formen der Kommunikation zum Thema gemacht. Die täglich wachsende E-Mail-Flut beantwortet ein Internet-Yunkie mit den Worten: "Ich weiß, ich bin zu busy, zu viel Work und Alltag, aber große Thoughts erkenn ich, wenn ich sie sehe." Ganz andere Erfahrungen mit den modernen Kommunikationsmitteln macht der Techniker Ebling, dem offensichtlich die gleiche Mobilfunknummer zugeteilt wurde wie einem berühmten Schauspieler. Zunächst gehen ihm die vielen falschen Anrufe auf die Nerven, doch als die Gespräche irgendwann ausbleiben, droht er zu vereinsamen. Den Blick erwartungsvoll auf sein Handy gerichtet, fragt er sich: "Aber wer sollte dich schon anrufen?"

Im Bestseller "Die Vermessung der Welt" schuf Kehlmann ein großes historisches Erzähluniversum mit erklärend-unterhaltendem Grundtenor, in "Ruhm" hat er sich nun als etwas verspielter Arrangeur von Gegenwarts-Mikrokosmen betätigt. Aus dem weitschweifigen Welt-Erklärer ist ein zur Ironie neigender, skeptischer Zweifler geworden.

"Vertrackte Kurzgeschichten voller Spiegelungen und unerwartbarer Volten - von einer leicht sterilen Brillanz" - so hat Daniel Kehlmann die Werke seiner Leo-Richter-Figur charakterisiert. Und treffender lässt sich auch über "Ruhm" kaum urteilen. Es ist ein reizvolles künstlerisches Spiel - aber wirklich große Literatur liest sich doch anders.

Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, 203 Seiten, 18,90 Euro.




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Literarisches Buch

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