
(wt) Am Anfang steht meist die Vision eines idealisierten Ackerbaus, eine pastorale Idylle aus einer längst vergangenen "goldenen Zeit", die mit aller Macht wiedererlangt werden müsse. Für den Historiker Ben Kiernan, Direktor des Genozidforschungsprogramms an der Universität Yale in den USA, ist dies ein zentraler Ausgangspunkt seiner umfassenden Analyse des Genozids. Er geht in seinem Werk vier Merkmalen von Genoziden nach, die regelmäßig wiederkehren: eine auffallende Fixierung der Täter auf Rasse, Antike, Ackerbau und territoriale Expansion. Die Schablonen antiker Vorbilder liegen vor, und ihnen eiferten etwa die europäischen Eroberer bei ihren Feldzügen gegen die Ureinwohner Amerikas, Afrikas und Australiens nach: unter anderen den Israeliten, die laut Bibel auf Gottes Befehl die Bewohner des "gelobten Landes" auszurotten hatten; oder den Römern, die Karthago zerstörten.
Nach dem Holocaust und den Massenmorden im Namen des Kommunismus ist heute die Prävention von Genoziden eher möglich. Verschwunden sind sie allerdings nicht. Deshalb bedarf es eines vorausschauenden Verständnisses gemeinsamer Merkmale von Genoziden, die sich oft schon früh bemerkbar machen, schließt der Autor. - Trotz schwer verdaulichen Stoffs gut geschrieben.
Ben Kiernan: Erde und Blut - Völkermord und Vernichtung von der Antike bis heute. Deutsche Verlags-Anstalt, 911 Seiten, 51,40 Euro.