Wie weit darf Elternliebe gehen? Wie verhält man sich, wenn das eigene Kind etwas Schreckliches getan hat? Und wie viel Verantwortung trägt man selbst dafür? Der niederländische Kolumnist, Komiker, Fernsehmacher und Romancier Herman Koch hat seit 1989 fünf, von der Kritik hoch gelobte, Romane veröffentlicht. "Angerichtet" ist der erste, der auf Deutsch erscheint. Er ist nicht nur perfekt strukturiert, sehr spannend und an manchen Stellen recht lustig - der Autor zwingt die Leser auch, sich immer wieder neu zu überlegen, wer hier inwiefern schuldig ist und wie man selbst in so einem Fall handeln würde.
Paul und seine Frau Claire sind zum Abendessen mit Pauls Bruder Serge und dessen Frau Babette in einem Spitzenrestaurant verabredet. Ein Fünf-Gänge-Menü wird aufgetischt, und auch das Buch ist in fünf Akte plus Prolog und Epilog unterteilt. Der Ich-Erzähler Paul ist nicht gerade bester Laune. Die Allüren seines Bruders, eines berühmten Politikers, gehen ihm auf die Nerven. Paul kennt Serge als "Bauerntrampel", und nun hat Serge ein Haus in der Dordogne bezogen und doziert über Weine. Außerdem treffen sich die vier nicht zum Spaß. Sie müssen besprechen, wie sie damit umgehen, dass ihre 15-jährigen Söhne etwas getan haben, was ihr Leben ruinieren könnte.
"Angerichtet" beginnt als Satire über das Amsterdamer Bildungsbürgertum, wandelt sich zum Familiendrama, das durch gesellschaftliche Fehlentwicklungen ausgelöst wird, und endet als beklemmender Psychothriller. Paul und Claire sind zu allem bereit, um die Tat ihres Sohnes geheim zu halten. Die Frage ist nur, ob Serge und Babette ebenso denken und handeln wollen.
Zunächst meidet man das Thema, denn über Filme, Urlaubspläne und Serges Karriere streitet es sich leichter. Unter der Anspannung kochen die Emotionen hoch. Der Leser erfährt viel über die Beziehungen der Figuren - und vor allem amüsiert er sich über die zahlreichen köstlich beschriebenen menschlichen Eitelkeiten und über Pauls Genörgel.
Als der Maître dhôtel erklärt, woher die Oliven stammen, die er zum Aperitif reicht - "griechische Oliven von der Peloponnes, zart beträufelt mit einem Olivenöl erster Ernte extra vergine aus Nordsardinien und bekrönt mit Rosmarin . . ." -, und nur mit seinem kleinen Finger auf die Früchte deutet, fragt Paul sich: "War das chic? Gehörte das etwa zu dem Anzug mit den blauen Nadelstreifen und dem hellblauen Tüchlein? Oder hatte der Mann einfach etwas zu verbergen? Seine anderen Finger bekamen wir nämlich nicht zu Gesicht."
So streng Paul mit seinem Bruder ins Gericht geht, so harte Strafen er für Kriminelle fordert - er will sogar das Recht auf Selbstjustiz einführen -, umso milder reagiert er gegenüber seinem eigenen Fleisch und Blut. "Angerichtet" ist auch ein Aufschrei gegen die falsch verstandene Verbrüderung von Eltern mit ihren Kindern. Herman Koch verpackt seine scharfe Kritik an Erwachsenen, die ihre Kinder nicht erziehen wollen und ihrem Nachwuchs die Verantwortung für sein Tun abnehmen, in glänzende Unterhaltung. Die Entfaltung der Persönlichkeit gilt mehr als die Solidarität mit Schwächeren und die Akzeptanz von Normen und Regeln. Im Verlauf der Geschichte verschieben sich die Sympathien des Lesers. Die bürgerliche Idylle entpuppt sich als die Hölle eines Psychopathen. Kurzum, "Angerichtet" ist ein in vieler Hinsicht bereichernder Roman.
Herman Koch: Angerichtet. Roman. Aus dem Niederländischen von Heike Baryga. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, 308 Seiten, 20,60 Euro.