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Update: 05.04.2012, 11:58 Uhr
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Anklangreiche Träume

Kreisler, Georg: Zufällig in San Francisco


Von David Axmann
  • Wo sich "Adieu" auf "Paprikatee" reimt: Über die eigenwillige Lyrik von Georg Kreisler.

Was haben Friedrich Hölderlin und Georg Kreisler gemeinsam? Nichts. Deshalb erhält Kreisler den Friedrich Hölderlin-Preis 2010 der Stadt Bad Homburg. Das ist aber nicht der einzige Widerspruch im Leben dieses alten Mannes. Der 1922 in Wien geborene Jude Kreisler musste 1938 mit seinen Eltern in die USA flüchten, begann dort eine Musikerkarriere, kehrt 1955 nach Österreich zurück und erlangte als musikalischer Kabarettist und "schwarzer Lieder"-Macher im deutschsprachigen Raum hohe Popularität.

Doch der großartige "Kleinkünstler" Kreisler will schon seit langem nicht mehr als solcher gelobt und geliebt werden, sondern als ein richtiger, ernsthafter Dichter. Den Wunsch erfüllt ihm die Hölderlinpreisjury insofern, als sie darauf hinweist, dass Kreisler "mit Liedern, Gedichten und Stücken, erzählenden und autobiographischen Schriften . . . im freundlichen Asyl der Künste Refugien gesucht und gefunden" hat, und indem sie feststellt: "Ihn im Namen Hölderlins auszuzeichnen, heißt, mit dem Wechsel der Töne auch dem dauerhaft poetischen Rang seines uvres Reverenz zu erweisen".

Wie beschaffen dieser Rang ist, erweist sich anhand der Lektüre des jüngsten Kreislerwerks, das prosaische und lyrische Stücke enthält. Zum Beispiel ein Vorwort, in dem sich der Autor - wie schon so viele vor ihm - mit Karl Kraus anlegt ("eine Modeerscheinung, die Staub aufgewirbelt hat" und "viel Unheil angerichtet"), diesen der Sprachunbeherrschung zeiht und eines Besseren belehren will, und sich dadurch - wie schon so viele vor ihm - bloßstellt und blamiert.

Gewiss kann und darf man den Kraus´schen Gedanken und Argumenten über Wesen, Sinn und Zweck des deutschen Reims kritisch begegnen, aber nicht auf einem Oberlehrerniveau, wo jemand, weil er ja selber Reime schmiedet, allerdings "auf natürliche Weise", das Sprachkunstbild "in des Wortglücks Augenblick" kurzerhand als falsch bezeichnet und, gönnerhaft aus dem Born seines seichten Sprachverstands schöpfend, richtigstellt: "Was er meint, ist natürlich der glückliche Augenblick, in dem einem Dichter das richtige Wort einfällt". Zum Beispiel: in des Wortglücks Augenblick. Doch das versteht der Kreisler nicht. Auch das hat Kraus schon vorhergewusst: "Die Blinden wollen nicht zugeben, daß ich Augen im Kopf habe, und die Tauben sagen, ich sei stumm".

Mit einem Wort: Kreisler hat vom Dichten wie vom Reimen eigene Vorstellungen und Ansichten. "Träumen ist ganz genau dasselbe wie dichten", dichtet er. "Wer das begriffen hat, macht vielleicht Karriere." Aber Vorsicht! "Allerdings ist dichten nicht dasselbe wie träumen. / Das wäre ja einfach, wenn es so einfach wäre." Und gereimt ist das auch (wie alle Gedichte dieses Bändchens)! Denn, wie Kreisler konstatiert: "manche Dichter können einfach nicht reimen, / und ich kann´s".

Als wär´s ganz einfach. Und wenn sich die in seinen Gedichten entfaltende Leichtigkeit des Reims mit schönem Wortglück paart, entstehen so seltene Reimpaare wie diese: Krokodil - Profil, Verschnürung - Globalisierung, erzählt - geölt, Juli - Patschuli, Töchter - Gelächter, Erdbeeren - wert wären, Formosa - Prosa, renitenter - Einkaufs-Center, Paprikatee - Adieu.

Erinnert das nicht an Fritz Grünbaum und Karl Farkas? Gewiss, wie ja Kreislers Lyrik überhaupt, auch in Tonfall und Thematik, eine sehr anklangreiche ist: man erkennt Spurenelemente u.a. von Ringelnatz, Kästner, Tucholsky, Eugen Roth, Wilhelm Busch, ja sogar von Heine. Kreisler beschäftigt sich in seinen Gedichten mit der Kunst und den Künstlern, dem Lauf der Zeit, dem Leben, der Zukunft, dem Paradies, häufig mit sich selbst, und stellt sich dabei als ein romantisch-melancholisch-konservativ empfindsames Ich dar, das seine lyrischen Produkte so versteht: "sie sind weniger schöpferisch als interpretativ, eher naiv, Träume eines Schauspielschülers, die der Berufsschauspieler vergessen hat".

Und wenn der aus seinen Träumen erwacht, paraphrasiert er vielleicht Hölderlin: Größers wolltest auch du, aber das eigne Talent zwingt / All uns nieder . . .

Georg Kreisler: Zufällig in San Francisco. Unbeabsichtigte Gedichte. Verbrecher Verlag, Berlin 2010, 119 Seiten, 19 Euro.




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Literarisches Buch

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