
Es ist nicht das erste Mal, dass Hanif Kureishi über seinen Vater schreibt. Enge, liebevolle und konfliktreiche Vater-Sohn-Beziehungen ziehen sich durch sein ganzes Werk: Vom Roman "Der Buddha aus der Vorstadt" über das Theaterstück und das Drehbuch zu dem Film "Mein wunderbarer Waschsalon" und den Roman "Gabriels Gabe" bis hin zu dem Buch, das 2004 im englischen Original erschienen ist und nun auf Deutsch vorliegt: "Mein Ohr an deinem Herzen". Mit diesen Erinnerungen begibt sich Hanif Kureishi auf einen teils sezierenden, teils assoziierenden (Selbst-)Erkundungstrip - und auf eine Reise in die Vergangenheit, ins Innere seines Vaters, ohne den er wohl nie Schriftsteller geworden wäre.
Shani Kureishi schrieb selbst jahrzehntelang. Morgens fuhr er vom ruhigen Londoner Vorort Bromley, wo er mit Frau, Sohn und Tochter ein kleinbürgerliches Leben führte, zu seinem Verwaltungsjob in der pakistanischen Botschaft; nachts arbeitete er an Erzählungen und Romanen, Theaterstücken und Hörspielen, Essays und Kinderbüchern, vorwiegend über Pakistan.
Mit seinem Sohn teilte er die Liebe zu Tschechow, vermittelte ihm, "dass es für jede Stimmung ein Buch gibt, das einem neue Arten des Denkens, Fühlens und Seins aufzeigt", ermunterte ihn zum Schreiben, verriss seine Zeilen und setzte doch große Hoffnungen in ihn. Während der Sohn tatsächlich erfolgreich und berühmt wurde, blieben die meisten Werke des Vaters unveröffentlicht. Trotzdem hielt Shani Kureishi stets an seinem Ziel fest: Schriftsteller zu werden.
Was treibt einen Menschen dazu, trotz permanenter Zurückweisung weiter zu schreiben? Was geschieht mit einem Autor, wenn sein Werk nicht gelesen wird? Und warum kehrt jemand, der Indien mit 23 Jahren verlassen hat, nie mehr in seine Heimat zurück, nicht einmal im Urlaub?
Anlass und wichtige Grundlage für Hanif Kureishis literarischen Versuch, seinen Vater besser zu verstehen, war ein Manuskript, das zehn Jahre nach dessen Tod auftauchte: "An Indian Adolescence", Shani Kureishis letzter "Roman", eigentlich seine Memoiren. Mit der Lektüre taucht sein Sohn in eine indische Kindheit ein, als einer von zwölf Sprösslingen einer wohlhabenden, nicht sehr gläubigen muslimischen Familie, die in Poona, später in Bombay lebte. Shanis Vater, Colonel Kureishi, sorgte für eine rundum britische Bildung, ließ seine Söhne mit einer Kutsche zur katholischen Missionsschule fahren und ihnen ihre Cricket-, Polo- und Boxausrüstung hinterhertragen.