
Aber man lernt bei der Lektüre viel Naturwissenschaftliches. Christian Kummer - Theologe, Priester, Jesuit, Philosoph und Biologe - rückt von vornherein die weltanschauliche Kontroverse um Gott und sein Wirken in den Mittelpunkt - und sieht für den Schöpfergott biblischen Zuschnitts keine Beschäftigungsmöglichkeit mehr. Kummer fängt sachlich und zahm an, steigert sich und räumt schließlich gnadenlos mit allen auf, die heute noch die großartige wissenschaftliche Leistung Darwins durch pseudoreligiöse Argumente zu verwässern suchen. Österreichische Leser ahnen spätestens ab Seite hundert, dass der streitbare Bayer, der in München das Institut für Naturphilosophie leitete und ein anderes für naturwissenschaftliche Grenzfragen, irgendwann über einen gewissen Kardinal Christoph Schönborn stolpern muss. Nicht durch Zufall, sondern zielgerichtet und selektiv kommt er auf Seite 215 bei ihm an. Er unterstellt dem Kardinal den "unseligen Hoheitsanspruch einer Theologie", die über andere Theorien befinden möchte, ohne einen Gedanken an den Wahrheitsgehalt der eigenen Theorien zu verschwenden.
Und fügt hinzu, dass Schönborn mit seiner den amerikanischen Kreationisten zum Geschenk gemachten Idee vom "Intelligent Design" einen "längst verlorenen Boden auf dem Feld der Evolutionstheorie gutzumachen versucht". Damit falle er hinter Papst Johannes Paul II. zurück, der das konservative Kesseltreiben gegen die Evolutionstheorie mit einfachen, wenn auch nicht endgültigen Worten der Anerkennung wissenschaftlicher Leistungen einzudämmen versucht habe.
Das Buch ist lesenswert, auch wegen der Bereitschaft eines Jesuiten zu katholischer Selbstkritik. Mit der Seele, die man vom Evolutionsprozess abzweige, um sie für die Schöpfungsarbeit zu reservieren, treibe die Theologie ein zweifelhaftes Spiel.
"Mozart der Biologie"
Kummer setzt sich auch mit dem Autor des zweiten Buches, Ulrich Kutschera, auseinander, der nicht von der Theologie, sondern der Biologie kommt und in Kassel Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Evolutionsbiologie ist. Kutschera macht noch weniger Federlesens mit Kreationisten und Designern und hält (behauptet Kummer) nur Atheisten für Verstandesmenschen.
Kutschera beackert die wissenschaftlichen Erkenntnisse seit Darwin, die allesamt Darwin Recht gäben. Es ist eine bewegte Wanderung zwischen Kosmologie, Geologie, Ozeanografie und etlichen anderen Disziplinen. Affen, Käfer, Bakterien und Elefanten begleiten die Leser in ansprechenden Bildern und Grafiken. Die Evolution kommt bei Kutschera zur vollen Blüte.
Der Biologe verlangt streckenweise wissenschaftliches Bemühen ab, vor allem aber dominiert sein kämpferischer Geist. Er sieht in der Evolution und auch deren wissenschaftlicher Erforschung einen kontinuierlichen, nie abzuschließenden Prozess. Man könne heute von einem "neuen Bild der organismischen Evolution sprechen, das weit über Darwins klassische, bakterienfreie, statische Tier-Pflanzen-Welt hinausgewachsen ist." Darwin habe den Weg freigekämpft, weshalb ihm Kutschera etwas willkürlich den Titel "Mozart der Biologie" anhängt.
Ulrich Kutschera: Tatsache Evolution. Was Darwin nicht wissen konnte. Deutscher Taschenbuch Verlag, 340 Seiten, 103 Abbildungen, 15,40 Euro.