Eine junge Dissidentin wird hingerichtet, für die Provinzstadt Hun Jiang ist das ein Volksfest. Von überall strömen Menschen ins Stadion, um der "Denunziationszeremonie" beizuwohnen: Politiker, einfache Leute, Schulklassen - es gibt wenig Abwechslung in diesem Winkel Chinas.
Man schreibt das Jahr 1979, Mao ist tot, die Viererbande verjagt. China sortiert sich neu, und keiner weiß, ob er am Ende zu den Gewinnern oder Verlieren gehören wird. Doch an diesem Tag sind alle Unterschiede aufgehoben: Die junge Frau war angeblich eine Konterrevolutionärin, auf sie können selbst die Ärmsten der Armen herabsehen. Und von denen gibt es genug. Die zwölfjährige Nini etwa, die von ihren Eltern als kostenlose Arbeitskraft gehalten wird; das Bettler-Paar, das im Müll nichts zu essen, dafür neugeborene Mädchen findet.
"Die Sterblichen", das Romandebüt der Autorin Yiyun Li, ist ein virtuoses Panorama einer Gesellschaft im Umbruch. Das soziale Gefüge ist kaputt, jeder ist der Ausbeuter des anderen. Söhne bestehlen ihre Mütter, Totengräber vergehen sich an den Toten, noch für die Kugel, die das eigene Kind umbringt, muss man zahlen. Alle sind nur mit dem eigenen Überleben beschäftigt. "Büros wurden zu Minenfeldern, wo man auf der Hut sein musste, ständig Freunde und Feinde definieren und neu definieren und Chamäleons ausfindig machen musste . . ."
Yiyun Li, 1972 in Peking geboren, hat früh gelernt, immer nur das Schlimmste zu erwarten, nie mit jemandem außerhalb des Hauses zu sprechen. Und als sich im Frühjahr 1989 friedliche Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens versammelten, schlossen ihre Eltern sie in weiser Voraussicht in ihrem Zimmer ein.
Yiyun Li ist später nach Amerika gegangen, wo sie einen Kurs für Creative Writing besuchte. Das ist dem routiniert, etwas gefällig erzählten Roman auch anzumerken. Die existenzielle Ausweglosigkeit des modernen China aber bleibt spürbar. Entgegen dem allerorts aufgesprühten Mao-Satz "Dem Volke dienen", dient in diesem Staat jeder nur sich selbst.
Yiyun Li: Die Sterblichen. Roman. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube. Hanser, München 2009, 380 Seiten, 22 Euro.