• vom 20.05.2011, 13:15 Uhr

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Update: 20.05.2011, 13:15 Uhr
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Mythos von der friedlichen Oase

Maissen, Thomas: Geschichte der Schweiz


Von Verena Mayer
  • Ein Blick in drei Bücher, die versuchen, die Geschichte und die Eigenarten der Schweiz aufzuarbeiten.

Was ist eigentlich mit der Schweiz los? Minarette hat das Volk verboten, Schießgewehre zu Hause sollen dagegen weiterhin erlaubt sein. Die Ausländerpolitik ist wie aus einem wirren Traum von Thilo Sarrazin, seit neuestem will man sämtliche Ausländer, die etwas angestellt haben, "ausschaffen", wie das in der Schweiz so schön heißt. Egal, ob es sich um Flüchtlinge handelt oder um EU-Bürger. Mag das gegen geltendes Recht verstoßen und mag die Straftat noch so harmlos sein.

Um herauszufinden, was das rätselhafte Land umtreibt, lohnt der Blick in drei neue Bücher. Das eine ist von Thomas Maissen, Professor für Neuere Geschichte in Heidelberg, und heißt schlicht "Geschichte der Schweiz". Zwischen roten Buchdeckeln mit weißem Kreuz entrollt Maissen die Geschichte eines Landes, in dem über die Jahrhunderte hinweg alle gegen jeden zu sein scheinen: Einheimische gegen Ausländer, Herrscher gegen Untertanen, Katholiken gegen Protestanten, Liberale gegen Konservative, Männer gegen Frauen. Wobei der Krieg lange selbst die Lebensgrundlage der Eidgenossenschaft darstellte.

Vor Schokolade, Käse und Taschenmessern waren nämlich Soldaten der Exportschlager der Schweiz. Als armes Land relativ sicher vor dem Zugriff ausländischer Mächte, konnte die Schweiz die eigenen Leute als Söldner verschicken. Im 17. Jahrhundert kämpfte ein Viertel aller Über- 16-Jährigen für fremde Herrscher.

Maissen räumt auf mit dem Mythos der friedlichen Oase inmitten von Europa, als die sich die Schweiz gerne selbst sieht. Detailreich, aber ohne sich in den Details zu verlieren, zeichnet er die vielen, oft sehr blutigen, Konflikte nach, die das kleine Land geprägt haben. Sogar der Hexenverfolgung widmet er ein eigenes Kapitel. Von 110.000 westeuropäischen Hexenprozessen wurden 10.000 in der Schweiz geführt. Die letzte überlieferte Hinrichtung einer Hexe fand 1782 ebenfalls in der Schweiz statt. Anna Göldi hieß die Frau, angeblich hatte sie einen Giftmord begangen.

Maissens gedankenstarkes Buch ist pointiert geschrieben und hat das Zeug zu einem Standardwerk. Schade nur, dass die Quellen zu kurz kommen. Erst am Schluss gibt Maissen einen knappen Überblick über den Forschungsstand; Literaturhinweise und ein Register sucht man jedoch vergeblich.

Auch die "Kleine Geschichte der Schweiz" von Volker Reinhardt geht nicht näher auf Quellen ein. Der Historiker knöpft sich einige Schweiz-Mythen vor, den Apfelschuss etwa, dem eigentlich eine Sage aus Skandinavien zugrunde liegt. Ansonsten wirkt der schmale Band, der sich brav vom Rütlischwur bis zu Christoph Blocher durcharbeitet, mit seinen historischen Karten wie ein ausformulierter dtv-Atlas. Dafür spricht der Bildteil Bände. Um 1946 vor den katastrophalen Folgen der Gleichberechtigung zu warnen, wurde unter dem Slogan "Frauenstimmrecht nein" ein Schnuller plakatiert. Der ist so verwahrlost, dass sich eine eklige Fliege darauf niedergelassen hat. Kein Wunder, dass die Schweizerinnen erst seit 1971 wählen dürfen. Propaganda, bei der man nicht weiß, ob man sie irre oder zum Lachen finden soll, gehört also nicht erst zur politischen Kultur, seit Blochers SVP dunkelhäutige Hände plakatieren ließ, die gierig nach einem Schweizer Pass greifen. Ein Plakat, auf dem die Rechtspopulisten die Verschärfung der Abschiebepraxis forderten, zeigte jüngst auch einen Nägel kauenden Deutschen. Darüber stand: "Detlef S., Kinderschänder. Bald Schweizer?"




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