Im Anfang war der Sport, und der Sport gab sich Norm und Form und war sich selbst genug. Doch dann erschien die Sportberichterstattung und machte sich und dem Publikum ein Bild vom Sport. Und das Bild ist Wirklichkeit geworden, wohnt in unseren Köpfen, und prägt unsere Vorstellung von Wesen, Sinn und Zweck des Sports.
Die Absicht der Medien ist es nämlich, "das richtige Sport-Bild" zu produzieren, wobei sich die Richtigkeit am deutlichsten daran zeigt, ob man das Bild teuer verkaufen kann. Die Absicht des hier empfohlenen Buches ist es darzustellen, "wie sich der Prozess der Mediatisierung des Sports in den vergangenen 130 Jahren" im Allgemeinen, besonders jedoch in Österreich vollzogen hat. Die darin versammelten Aufsätze über das weite Feld der "Mediensportrealität", verfasst von rund 30 Autoren, behandeln das Thema sowohl in struktureller wie in personeller Hinsicht, analysieren das System der Sportberichterstattung und porträtieren hervorragende heimische Sportjournalisten.
Der "Schaulust und Leidenschaft" des fernab des Wettkampfgeschehens miterlebenshungrigen Publikums Rechnung tragend, gleicht "der Fernsehsport und im speziellen der Telefußball einem modernen Mythos, der kommerziellen Zwecken dient - einer Erzählung, durch die sich die Gesellschaft einen Teil der Wirklichkeit erklärt".
Einer der legendären Stammväter der österreichischen Sporterzähler war Willy Meisl, der jüngere Bruder des ebenfalls legendären "Vaters des Wunderteams" (Hugo Meisl), dessen "stilbildende Zeitungsreportagen" in den 1920er und frühen dreißiger Jahren ihm den Ehrentitel eines Königs der Sportjournalisten eintrugen, und der 1954 in der Zeitschrift "World Sports" als "The World´s No. 1 Soccer Critic" bezeichnet wurde.
Der "mit Sicherheit bekannteste und populärste Beitrag in der Geschichte der Mediatisierung des österreichischen Sports", nämlich Edi Fingers Aufschrei "I werd´ narrisch!" beim Siegestreffer Hans Krankls im Weltmeisterschaftsspiel Deutschland gegen Österreich in Córdoba 1978, hat einen nahezu wortgleichen Vorläuferjubelruf, den Heribert Meisel bei der WM 1954 in der Schweiz ausstieß.
Von diesem einst ebenfalls populären Sportreporter stammt übrigens auch der Buchtitel: Anlässlich des inferioren Ländermatches Österreich-Türkei in Wien 1949 seufzte er ins Mikrophon: "Es ist zum Verzweifeln, wie diese beiden Mannschaften spielen . . . Sind´s froh, dass Sie zu Hause geblieben sind."
Matthias Marschik / Rudolf Müllner (Hg.): "Sind´s froh, dass Sie zu Hause geblieben sind." Mediatisierung des Sports in Österreich. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2010, 414 Seiten, 34,90 Euro.