New York im Jahr 1974. Die Menschen sind extrem verunsichert: Watergate, Vietnam. Ein Seiltänzer, der an einem Augusttag zwischen den Türmen des Word Trade Centers balanciert, ruft Bewunderung und zugleich Panik hervor. Den Seiltänzer gab es wirklich; in Colum McCanns fünftem Roman "Die große Welt" taucht er jedoch an eben diesem Tag wie ein Geist im Leben jedes der zehn Protagonisten auf. Die ineinander verflochtenen Lebenswege in sehr unterschiedlichen Milieus hätten zusammen mit McCanns leidenschaftlichem sozialen Engagement und seiner Fähigkeit, Empathie zu erzeugen, für einen vielstimmigen New York-Roman genügt. Nun hat der Ire, der seit vielen Jahren in New York lebt, aber eine Vorliebe für Mythen und symbolträchtige Bilder. Auf den Seiltänzer zwischen den Zwillingstürmen hätte er dennoch verzichten sollen. Das Bild ist zu stark mit Assoziationen an den 11. September 2001 aufgeladen und verdrängt immer wieder, wenn auch nur für kurze Zeit, das, was an diesem Roman wirklich interessant ist und was McCann am besten kann: die Porträts.
Da sind zwei irische Brüder, der eine erzählt in nüchternem Ton die Geschichte des anderen. Corrigan ist ein Mönch, der sich aufopfert, um mit den Prostituierten und den Alten der Bronx das Elend zu telen. Noch eindrucksvoller ist Tillies Stimme. Die 38-jährige Prostituierte sagt, sie sei für den Strich geboren. Ihre Mutter ging anschaffen, ihre Tochter hat Tillie auch auf den Strich geschickt. Und dennoch erlebt man sie als liebende Mutter und Großmutter und als humor- und temperamentvolle Frau, die obwohl sie verbraucht aussieht, Männer anzieht, wie die Fliegen. Claire am anderen Ende der Stadt lebt im Luxus, doch auch bei ihr ist vieles nicht, wie es scheint. An diesem Tag empfängt sie vier Frauen, alle haben Söhne in Vietnam verloren. Claires Annäherung an Gloria, die einzige Schwarze unter ihnen, verläuft schleppend; zu viele Ängste und Vorurteile auf beiden Seiten. Daneben lässt McCann weitere Charaktere zu Wort kommen, eine Künstlerin zum Beispiel, eine gualtemaltekische Krankenschwester, einen Jugendlichen, der die "tags" in New York bestaunt. Als Leser muss man sich oft erst wieder ins Gedächtnis rufen, dass der Roman in den Siebzigern spielt.
McCann ist immer gut, wenn es um Seelenqualen geht. Dass er nur selten ins Pathos abrutscht, hat er zuletzt mit "Zoli", seinem Roman um eine Roma-Dichterin, bewiesen. Seine Sprache ist sinnlich, stellenweise übertreibt es damit aber. Dann bemüht er Bilder wie: "Ein paar Regenschirmspitzen klickten auf den Bürgersteigen. Drehtüren wirbelten Gesprächsfetzen auf die Straße." Auf den mehr als 500 Seiten gibt es sehr berührende Passagen, bei denen der Leser ganz in der Wirklichkeit der jeweiligen Figur versinkt; die Seiten über die Geräusche in den Straßen New Yorks und über den Seiltänzer gehören nicht dazu. Sie verleihen dem an sich stimmigen Zusammenspiel der Charaktere eine unangenehme Künstlichkeit.
Der Autor liest aus dem Original, Robert Reinagl aus der Übersetzung: Donnerstag, 24. September, 20 Uhr, Schauspielhaus, 1090, Porzellangasse 19.
Colum McCann: Die große Welt. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, 536 Seiten, 20,50 Euro.