• vom 03.08.2012, 14:56 Uhr

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Update: 03.08.2012, 15:33 Uhr
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Wider den Weltentausch

Meschik, Lukas: Luzidin oder Die Stille


Von Ingeborg Waldinger
  • Der Wiener Jungautor Lukas Meschik schreibt mit Furor gegen den Verlust der kritischen Vernunft an. Seine Warnutopie geißelt den "Homo communicans" und die gesamte Bewusstseinsindustrie.

"Von allen Lügnern der Welt habe ich den meisten Spaß", heißt es im "Lügnerlied" der Indie-Rockband "Filou". Der Texter und Gründer der Gruppe, Lukas Meschik, erweist sich als dunkler Spaßvogel - maßvoll in seinen Liedern, drastisch in seinen Büchern. Der 24-jährige Wiener schreibt sich mit Verve in die Riege der österreichischen Verstörer ein.

Lukas Meschik.

Lukas Meschik.Julian Simonlehner Lukas Meschik.Julian Simonlehner

Knapp vor der Matura schmiss Meschik die Schule, um sich ausschließlich der Musik und Literatur zu widmen. 2009 erschien sein apokalyptisches Romandebüt "Jetzt die Sirenen", ein Jahr darauf "Anleitung zum Fest", eine Sammlung von Wiener Nachtstücken. Sein jüngster Roman, der sprach- und bildmächtige Koloss "Luzidin oder die Stille", entpuppt sich als krasse Warnutopie.

Das Buch eröffnet keck: "Das Universum ist groß." Doch nicht die Unendlichkeit des Alls ist Meschiks Thema, sondern des Menschen Blindheit - und Hybris: "Es bedarf wohl noch einiger kriegerischer Auseinandersetzungen, bis endgültig festgestellt werden kann, wer oder was den Schöpfungsanspruch stellen darf." Hier schwingt freilich ein Subtext mit: der Topos vom Poeten als Schöpfergott. Mangelndes Selbstbewusstsein kann man Meschik nicht attestieren. Und so legt er seine eigene Schöpfungsgeschichte vor. Dafür zoomt er sich Wien heran - als Weltenbühne, als Person: übergewichtig und raunzerisch, zeigt sie dennoch Kampfgeist. Große Söhne und Töchter verlor sie an Berlin, nun fordert sie die Rivalin zum Boxkampf - und siegt trickreich. Noch einmal triumphiert Wien im Ring, diesmal gleich über Gott. Der führt ein irdisches Jammerdasein, vegetiert krebskrank und inkontinent in einer Vorstadtbude dahin. Das tödliche Gift in Wiens Schlagobers-Charme erkennt er nicht.

Information

Lukas Meschik: Luzidin oder Die Stille. Roman. Jung und Jung Verlag, Salzburg 2012, 563 Seiten, 25,- Euro.

Meschiks ätzende, an Karl Kraus, Anton Kuh oder Thomas Bernhard gemahnende Wien-Persiflage ist nur Beiwerk einer gewaltigen Gesellschaftssatire. Diese zielt auf den tiefgreifenden Umbruch, den das "Zeitalter des Homo communicans" mit sich bringt, "die Umsiedlung der Existenz auf den virtuellen Raum". Nur noch Summe seiner Benutzerprofile, manövriert sich der Mensch in binäre Sackgassen und nimmt sich solcherart selbst aus dem Spiel. Sein "Zweit-Ich der Zweitwelt geht bereits seine eigenen Wege".

Der Weltentausch vollzieht sich indes auf mehrfache Weise, dafür sorgt schon Lucius Bohm. Der von Macht- und Machbarkeitswahn Getriebene produziert Erkenntnise in Serie, züchtet "ethisch unbedenkliches" Kunstfleisch und holt den Teilchenbeschleuniger vom CERN nach Wien, wo es, im Gegensatz zur zimperlichen Schweiz, nicht am nötigen Wahnsinn fehlt, um die Erkenntnisgrenzen zu durchbrechen. Allein, Bohms Projektleiter Justus Geheimnis manipuliert die "Kreismaschine" und führt einen Dimensionswechsel herbei: "Abziehbilder von uns laufen umher." Aus Bohms Horror-Holding (an der er buchstäblich verblutet) stammt auch die Modedroge "Luzidin", auf die bald niemand mehr verzichten will. Nur im Wachtraum, bzw. in der virtuellen Welt des Web hat der Mensch noch Gestaltungsspielraum.

Gegen diese Endstufe der Evolution agiert die "Gruppe der Sieben Gefahren", die sich jährlich in der Wiener "Fluchtgasse" trifft. Sie verkörpert die Sieben Todsünden der Gegenwart (Schuld, Amputation, Verzicht, Einsamkeit, selbstausbeuterische Pflicht, Verwahrlosung, Ankunft) und exemplifiziert diese in Traktaten. Zu dem Geheimbund zählen, neben Justus Geheimnis, etwa der Toilettentester Ladislaus Kampf, der "Humorist M" oder der "Silen", Chef eines Swingerclubs und Pornograph. Ihre Traktate fügen sich zum "Überbuch, philosophischer als Dichtung, dichter als Philosophie. Nichts beschönigende, alles entstellend Sprachwucherung, aggressive Geschwulst . . . Ein poetisches Gefährt, das zu den Sternen reisen lässt."

Meschiks Parforce-Ritt durch den realen und imaginären Horror fordert eine hohe Opferbilanz. Der denkende Mensch ist tot. Der lenkende Bohm ist tot. Gott ist tot. Seinen Thron besetzt eine fette Alte namens Geld. Da schickt Meschik die reinigende Sintflut: Die Kommunikationsblase platzt, ein Buchstabenschwall ergießt sich auf Wien und durchtränkt den Boden mit Geschichten. Meschik liest sie auf und formt daraus ein rettendes Bücherboot, "das etwas verändert oder wenigstens etwas begreift oder wenigstens etwas Begriffenes weiterführt". Literatur kann die Welt nicht verändern, aber wort- und trickreich in Frage stellen.

Durch "Luzidin" eskortiert uns ein magischer Ulk. Figuren, Perspektiven und Zeitebenen wechseln abrupt. Dennoch hängt alles mit allem zusammen. Dies zu erkennen, den kritischen Blick auf die Welt zu schärfen: darum geht es in diesem Buch.




Schlagwörter

Rezension, Extra, Literatur

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