Jede Zeit bringt Menschen hervor, die besonders gut zu ihr passen. In den 1920er Jahren trat zum Beispiel die "Neue Frau" in Erscheinung, die sich von ihrer Mutter (äußerlich) durch den Bubikopf und (innerlich) durch größeres Selbstbewusstsein unterschied. In den 1960ern begegnete man den Hippies, die sich vom Durchschnittsbürger durch lange Haare und unkonventionelle Manieren abgrenzten. Noch später hatten dann "Punks" und "Yuppies" ihre Auftritte.
Gruppierungen dieser Art werden gerne als kurzlebige Modephänomene abgetan, und das keineswegs zu Unrecht. Aber gerade weil sie dem raschen Wechsel der Moden unterliegen, geben sie Auskunft darüber, wie sich das Selbstverständnis einer Gesellschaft verändert. Man darf Yuppies oder Punks zwar nicht mit "der" Gesellschaft im Ganzen gleichsetzen, aber das ändert nichts daran, dass sie fur kurze Zeit von Bedeutung waren: Sie haben einem bestimmten Zeitraum ein Gesicht gegeben. Auch wer selbst niemals eine Hippie-Frisur getragen hat, wird noch immer wissen, was mit dem Begriff "Hippie-Zeit" gemeint ist. Und wer das Foto einer "Neuen Frau" sieht, wird an die Zwanziger Jahren denken - wiewohl damals längst nicht alle Frauen kurze Haare und enge Röcke trugen.
"Sozialfiguren"
Solche zeitbestimmenden Gestalten werden von Stephan Moebius und Markus Schroer als "Sozialfiguren" bezeichnet. Und in dem Essayband "Diven, Hacker, Spekulanten", den die zwei Soziologen herausgegeben haben, werden jene "Sozialfiguren" gesucht, die zurzeit von Bedeutung sind.
Nun ist die Analyse der eigenen Lebenswelt immer besonders schwierig, weil der Analytiker selbst ein Bestandteil dessen ist, was er analysiert, und deshalb niemals frei von Befangenheiten sein kann. Aber die (sozialwissenschaftlich und psychologisch qualifizierten) Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Bandes haben den Mut zum Experiment, und erklären einfach einmal 34 verschiedene Charaktere zu den maßgeblichen "Sozialfiguren" unserer Zeit: Dazu gehören u.a. "der Amokläufer", "die Diva", "der Experte", "der Konsument", "der Spekulant". (Während etwa "der Sozialwissenschafter" fehlt, den auch manch einer zur wichtigen "Sozialfigur" ernennen würde. )
Nun lässt sich bei solchen Büchern über die Aussagekraft der Auswahl immer streiten. Aber auf eine ganz und gar repräsentative Zusammenstellung kommt es auch nicht unbedingt an. Wichtiger ist, dass die "Figuren", die vorgestellt werden, Plastizität und dadurch Überzeugungskraft gewinnen. Und das wird im Band "Diven, Hacker, Spekulanten" ganz gewiss erreicht. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen sind ja nicht unbedingt für leichte Lesbarkeit bekannt. Hier aber begegnet man einer Reihe brillant geschriebener Typen-Porträts. Gerade weil keine abstrakten gesellschaftlichen Prozesse beschrieben werden, sondern Figuren wie "der Überflüssige" oder "der Fundamentalist", eröffnet sich die Möglichkeit, anschaulich und satirisch zugleich zu schreiben. Immer wieder stellt sich dabei der Eindruck ein, den Wissenschaftern und Wissenschafterinnen habe die Suche nach ihren Sozialfiguren Spaß gemacht.