
Deshalb klingt auch der Buchtitel "Genug", noch dazu untergetitelt "Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen", für einen vernünftigen Menschen aufs Erste eher wenig ansprechend. Dass der Autor auch noch bekennender Vegetarier ist, macht die Sache auch nicht wirklich einladender.
Und doch ist "Genug" von John Naish, einem wohlreputierten Journalisten der Londoner "Times", entgegen dieser Erwartung kein schmallippiges, unsinnliches, zu selbstgeißelnder Askese aufrufendes Pamphlet geworden. Ganz im Gegenteil: Mr. Naish vertritt in "Genug" glaubwürdig, plausibel und noch dazu auf unterhaltsame Weise die Theorie, dass Lebenslust und Wohlgefühl durchaus zunehmen, wenn wir uns freiwillig gewissen Restriktionen in unserem Konsum- und Sozialverhalten unterwerfen.
Ausgangspunkt seiner Überlegung ist eine Befindlichkeit, die vermutlich fast jeder in unterschiedlicher Intensität kennt: Man verspürt das dringliche Bedürfnis, einen neuen Pulli zu erwerben, den man nicht braucht, ein neues Handy, obwohl das alte noch bestens funktioniert, eine neue Küche, obwohl die vorhandene noch bestens kocht - und trotzdem hält das Glücksgefühl oft nicht einmal bis zur Schwelle des jeweiligen Geschäftes.
Das verursacht hohe Kosten, die mit einem entsprechend hohen Aufwand an Erwerbsarbeit verbunden sind - also alles in allem ein Prozess, der uns viel Lebenszeit kostet und trotzdem nicht zu unserem Wohlbehagen beiträgt.
Im Lauf der Evolution erworbener Raff-Zwang
Ökonomen sprechen in solchen Fällen vom abnehmenden Grenznutzen zusätzlichen Konsums: Wer schon zwei Kellerabteile voller Schuhe besitzt, wird durch ein zusätzliches Paar nur mehr geringfügig glücklicher werden (im Gegensatz zu jemandem, der überhaupt noch keine Schuhe hat).
Doch daran, das rational darob offenkundig notwendige "Genug" zu erkennen, hindert uns ein im Laufe der menschlichen Evolution erworbener Raff-Zwang, der zwar die Menschen der Jäger- und Sammlerkultur überlebensfit gemacht hat, uns aber dazu bringt, heute "wie die Familie Feuerstein durchs 21. Jahrhundert zu toben" (Naish). Weshalb wir zum Beispiel Kleidung horten, als drohte morgen der Erfrierungstod.
Wir sind, fasst der Autor die Erkenntnisse der zeitgenössischen Neurobiologie zusammen, "mit gierigen Hirnen belastet", was uns dauernd zum Maximieren anhält anstatt zum wesentlich vergnüglicheren Optimieren.
Und zwar nicht nur im materiellen Sinne. Die einzelnen Buchkapitel ("Genug Information", "Genug Sachen", "Genug Arbeit", "Genug Arbeit", "Genug Auswahl", "Genug Glück", "Genug Wachstum") weisen über die Plage des Instant-Shopping weit hinaus: Naish zufolge sind wir in vielen Dimensionen schon weit über den Optimalpunkt des "Genug" hinausgeraten und machen uns damit selbst nicht gerade rasend glücklich.