• vom 19.06.2009, 13:36 Uhr

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Update: 19.06.2009, 13:38 Uhr
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Grenze durch die Stadt

Nowak, Wlodzimierz: Die Nacht von Wildenhagen


Von Andreas Wirthensohn
  • Deutsch-polnische Reportagen von Wlodzimierz Nowak.

Will man wissen, was die "Volksseele" so denkt und fühlt, erweisen sich Taxifahrer seit jeher als durchaus verlässliche Seismografen. Als der Theaterregisseur Peter Krüger Ende der 90er Jahre aus Berlin an die deutsch-polnische Grenze nach Guben kam, um dort mit Jugendlichen von beiden Seiten der Neiße zu arbeiten, bekam er im Taxi zu hören: "Wenn Polen in die EU kommt, dann kaufen wir dieses Gubin innerhalb eines Tages auf."

Ein paar Jahre später klang das, wieder im Taxi, schon ganz anders: "Wenn die Grenze der EU auf der Neiße nicht mehr da ist, dann werden uns die aus Gubin auffressen."

Guben und Gubin waren einmal eins, aber das ist lange her. Vor dem Zweiten Weltkrieg lagen auf dem rechten Ufer die Pfarrkirche, das Rathaus und die Villen, auf dem linken standen die Fabriken. Nach dem Krieg durchschnitt eine Grenze die Stadt und machte trotz sozialistischer Bruderschaft aus einem Ort zwei.

Und nun müssen Gubener und Gubiner seit 1990 wieder mühsam erlernen, wie man sich arrangiert in einem Europa, in dem die Binnengrenzen zunehmend an Bedeutung verlieren. Dass dabei die irrationalen Extreme dominieren, Großspurigkeit einer- und panische Angst andererseits, mag man bedauern, aber wie so oft, wenn die Geschichte schwer auf den Beziehungen zweier Völker lastet, ist das vermutlich auch eine Frage der Generationen.

Vielleicht ist es ein Glück, dass Wlodzimierz Nowak, Jahrgang 1958 und Reporter bei der polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza", einer Zwischengeneration angehört: spät genug geboren, um den Krieg nicht mehr erleben zu müssen, und früh genug, um all den Umbrüchen seit dem Fall des Eisernen Vorhangs mit einer gewissen Lebenserfahrung zu begegnen. Die zwölf Reportagen aus den Jahren 1997 bis 2006, die hier erstmals auf Deutsch vorliegen, sind jedenfalls definitiv ein Glücksfall.

Eine von Nowaks Haupttugenden ist dabei seine vollkommene Uneitelkeit, die das Geschäft der Camouflage erleichtert. Das Ich des Berichterstatters tritt fast vollständig hinter die erzählten Geschichten zurück, seine arrangierende Hand ist kaum mehr zu erkennen, und doch hält sie hinter den vielen O-Ton-Zitaten und den oft nur andeutend hingetupften Erklärungen alle Fäden in der Hand. Nichts freilich liegt Nowak ferner als Verallgemeinerungen oder dezidierte Werturteile über das, was er erfährt; im Mittelpunkt steht der einzelne Mensch mit seiner Biografie, und er wird vom Autor freundlich behandelt - auch wenn die Geschichten es mitunter schwer machen. Nowaks Texte sind große Literatur im Gewande der Reportage.

Wlodzimierz Nowak: Die Nacht von Wildenhagen. Zwölf deutsch-polnische Schicksale. Aus dem Polnischen von Joanna Manc. Eichborn, Berlin 2009, 300 Seiten, 20,60 Euro.





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