Willkommen in Ohio, dem Herz des Ganzen". So begrüßt dieser US-Bundesstaat im Mittleren Westen seine Besucher. Doch die Unbeschwertheit des Sommers in der amerikanischen Provinz am Erie-See ist schon nach wenigen Seiten vorbei, als die achtzehnjährige Kim spurlos verschwindet. Sie stand kurz davor, ihr heimatliches Kaff namens Kingsville zu verlassen, und lange Zeit ist keineswegs klar, ob Kim einem Verbrechen zum Opfer gefallen oder einfach nur ausgerissen ist.
Denn so harmonisch, wie die Eltern glauben machen wollen, war das Verhältnis zu ihrer Tochter nicht; sie hatte zudem mit Drogen zu tun und ein Verhältnis zu einem etwas dubiosen Mann. Doch Kims Verschwinden und dessen mögliche Ursachen rücken schon bald in den Hintergrund. Denn Stewart O´Nans neuer Roman handelt von denen, die in den Medien gerne als "Angehörige und Freunde" bezeichnet werden. Wie verändert sich ihr Leben durch Kims Verschwinden? Wie gehen sie damit um, dass plötzlich jemand fehlt in ihrer Mitte?
"Alle versuchten irgendwie die Illusion eines normalen Lebens aufrechtzuerhalten." Während die Eltern, Fran und Ed Larsen, all ihre Energie darauf verwenden, die Tochter auf eigene Faust zu finden, Geld für Flugblätter sammeln und Suchtrupps zusammenstellen, gerät die jüngere Schwester Lindsay zunächst immer stärker in den Sog der Abwesenden, die für sie geradezu zum Vorbild wird, da sie den Absprung aus dem Kleinstadtmief geschafft hat. Und Kims Freunde Nina, Elise und J. P. leben ihr jugendliches Leben weiter und tragen die Verschwundene allenfalls im Geiste mit sich.
Wie nun weiterleben? Um diese Kernfrage kreist Stewart O´Nans Roman, der zwar etwas Zeit braucht, bis er an Fahrt gewinnt, doch nach und nach immer dichter und intensiver wird. Aus ständig wechselnden Perspektiven schildert er die Wochen, Monate und Jahre nach Kims Verschwinden. Wie unter einem Mikroskop zeigt er dabei, oft fast beiläufig und ohne große Worte, wie sich die Menschen verändern: wie sie auseinanderdriften, wie jeder für sich auf ganz eigene Weise den Verlust der Tochter, der Schwester, der Freundin zu bewältigen versucht.
Denn sie alle müssen einsehen, "dass manchmal das Schlimmste passiert und grausamerweise ohne ersichtlichen Grund". Diese "Unstimmigkeit der Welt" ist vor allem für Kims Eltern nur schwer zu ertragen. Das Verschwinden ihrer Tochter folgt keinem Sinn, es hat keine tiefere Bedeutung, und die Hoffnung, sie doch noch lebend wiederzufinden, ist bald nur mehr mühsam aufrechterhaltene Selbsttäuschung.
Am Ende ist Kims Mutter geradezu glücklich - und nennt es gar ein "Wunder" -, als die Leiche der Tochter doch noch zufällig gefunden wird, von einer ziemlich verrückten Frau und ihrem Hund, für die die Suche nach vermissten Personen seit langem zum Lebensinhalt geworden ist.
Was folgt, sind ein letzter Auftritt für die Medien, bei dem der "Finderlohn" überreicht wird, und die Beerdigung, mit der das "Kapitel Kim" gleichsam geschlossen wird. "Es war im Zimmer zu hell zum Schlafen, und doch schliefen sie fest ein, als könnten sie sich nach der langen Zeit des Hoffens endlich ausruhen." Doch eine Rückkehr zur Normalität des status quo ante wird es für die Familie Larsen nicht geben können. Dazu sind die Risse und Sprünge zu groß, hier im Herzen des Ganzen, das da Leben heißt.
O´Nan, Stewart: Alle, alle lieben dich. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Rowohlt, Reinbek 2009, 414 S., 20,50 Euro.