• vom 29.04.2010, 16:44 Uhr

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Update: 29.04.2010, 16:44 Uhr
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Eine Klappe gegen die Zeit

Obermayr, Richard: Das Fenster


Von Peter Landerl
  • Der österreichische Autor Richard Obermayr legt seinen ambitionierten zweiten Roman vor - ein Fall von literarischer Feinstarbeit.

Richard Obermayr. Foto: Martin Purkhart

Richard Obermayr. Foto: Martin Purkhart Richard Obermayr. Foto: Martin Purkhart

"Seit Jahren verbarg sich meine Familie hinter Andeutungen, halb angefangenen Gesprächen und Ausweichmanövern und ließ eine ganz andere Familie an ihrer Stelle erahnen, in der alle Rücksichten erloschen waren. Ich meinte beinahe spüren zu können, wie um uns, in den Zimmern dieses Hauses, wo alle angefangenen Bewegungen in der Luft hängen blieben und alle Versuche aufzubrechen sich vorzeitig erschöpften, jeder harmlose Moment heimlich danach strebte, aus einer anderen, ungeheuerlichen Zeit zu bestehen, einer Zeit ungenützter oder nur mühsam verhaltener Gefühle, in der er laut aufbricht und von einem Knall erzittert."

Als Richard Obermayr 1998 sein Debüt "Der gefälschte Himmel" veröffentlichte, wurde der damals 28-jährige Oberösterreicher als eine der größten Hoffnungen der österreichischen Literatur gehandelt. Doch der Jungstar konnte nichts nachliefern, quälte sich in den folgenden zwölf Jahren durch eine elendslange Schreibkrise. "Es war die Hölle, das mag ich niemandem wünschen", sagte Obermayr kürzlich in einem Interview über diese Zeit. Nun ist die Pein ausgestanden und ein neues Buch auf dem Markt, es trägt den schlichten Titel "Das Fenster".

Ein Ich-Erzähler, er bleibt namenlos, versucht sich an der Rekonstruktion seiner Vergangenheit. Erzählt wird die Geschichte des Auseinanderbrechens einer Familie, das der Erzähler an einem Augenblick im Jahr 1979 festmachen will. "Es gibt diesen einen Moment, aus dem das Unglück gemacht ist." "Das Fenster" ist eine Klage gegen die Zeit, die eigentliche Protagonistin des Romans, - gleichzeitig beschwört das Buch die Intensität und Kraft des einzelnen Moments.

Besessen versucht der Erzähler den Zerfallsprozess seiner Familie zu rekonstruieren, nach Zeichen und Ursachen des Unglücks zu suchen. "Das Leben verließ uns allmählich, und wir wussten nicht, wohin es ging. Die Tage kamen und vergingen wie immer. Aber sie nahmen uns nicht mehr mit."

Einen Handlungsfaden, eine lineare, nacherzählbare Geschichte hält das Buch nicht bereit. Der Vater, die Mutter, das Kind, das Haus am Ende einer Allee, das nun leer steht, eine Kugel, die in einem Revolver steckt und abgefeuert wurde oder eben nicht, ein Duell, das einen Toten fordert, eine Schülerin, die am Klavier übt, eine Rennbahn, ein Französischlehrbuch, Artisten im Zirkus, eine Theatervorstellung, eine Liebesgeschichte: Motive, die wiederkehren, die immer wieder neu an- und eingesetzt werden, um das so schwer zu Begreifende, den Weg der Familie ins stumme Unglück, zu erschließen.

Diese Motive und Handlungsfäden - sie sind nicht logisch miteinander verknüpft - verknoten, verweben sich allmählich zu einer dichten, mächtigen Erzählfläche. Obermayrs Ich-Erzähler (er ist einer, der in den Dingen und Erscheinungen die tiefere, die eigentliche Bedeutung sucht) liefert in seinem Erzählen, das eigentlich ein ständiges Neuanfangen ist, Bruchstücke einer Handlung, Fragmente einer Geschichte, die mehr sind als die Geschichte eines einzelnen Individuums. Sehr bildhaft ist Obermayrs Erzählen, der Vergleich seine liebste rhetorische Figur.

"Das Fenster" muss langsam, es muss von Satz zu Satz gelesen werden. Das Buch ist literarische Feinstarbeit, seine Stärke liegt zweifellos auf der Mikroebene des Erzählens, im einzelnen Satz, an den sich der nächste schmiegt, der übernächste fügt. Es zeichnet sich aus durch eine sprachliche Genauigkeit, die ihresgleichen sucht. "Das Fenster" ist eines der ambitioniertesten Schreibprojekte der letzten Zeit - kein Wunder, dass es solch eine lange Entstehungszeit forderte.

Richard Obermayr: Das Fenster. Roman. Jung und Jung, Salzburg 2010, 268 Seiten, 22 Euro.




Schlagwörter

Literarisches Buch

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