Am 10. September 1989 um 19 Uhr verkündete das ungarische Fernsehen, die Regierung habe sich dazu entschlossen, die streng bewachte Westgrenze für Flüchtlinge aus der DDR zu öffnen. Den Politikern, die damals die Demontage der Sperranlagen anordneten, sei damals nicht klar gewesen, welche Folgen dies haben würde. Das ist die Grundannahme des 1942 in Budapest geborenen Historikers und Journalisten Oplatka, der 1956 in die Schweiz kam und von 1968 bis 2004 für die Neue Zürcher Zeitung arbeitete.
Aus einer Fülle von Dokumenten und Gesprächen mit mehr als 70 prominenten Zeitzeugen, darunter Michail Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher, zitiert Oplatka. Dennoch verliert er sich nie zu sehr ins Detail, vielmehr liefert er zugleich eine Gedächtnisstütze für alle, die 1989 bewusst miterlebten, und eine Orientierungshilfe für Jüngere, die sich in die Materie erst hineinfinden.
Einsichten in Interna
Dabei ist die Sorgfalt, mit der das Buch recherchiert ist, noch nicht sein größter Vorzug. Vielmehr sind es die Einsichten in die Interna der damaligen ungarischen Politik, wenngleich viele Fragen offen bleiben. Oplatka erhebt freilich auch nicht den Anspruch auf eine vollständige Darstellung all dessen, was in das Ende des real existierenden Sozialismus in Mittel- und Osteuropa mündete, sondern beschränkt sich bewusst auf Ungarn.
Diese waren im Vorfeld des 10. September 1989 teilweise erstaunlich banal. Seit 1986 hätten ungarische Soldaten den schlechten technischen Zustand der Grenzanlagen bemängelt, an denen teilweise schon Alarm ausgelöst wurde, wenn nur ein Hase in der Nähe war, berichtet Oplatka. Die Installation eines neuen Systems wiederum habe die politische Führung wegen der zu erwartenden Ablehnung der Bevölkerung und westlicher Touristen für äußerst bedenklich gehalten, zumal die Grenzanlagen nach offizieller Lesart keinen ungarischen Interessen mehr dienten. In ernsthafter Sorge seien die Regierenden gewesen, weil sie sich nicht sicher sein konnten, welche Reaktionen ihr Verhalten in Moskau, Ost-Berlin und Bukarest auslösen konnten.
Mit dem Abbau der Grenzanlagen wurde am 2. Mai 1989 begonnen, am 27. Juli 1989 schnitten der damalige ungarische Außenminister Gyula Horn und sein Amtskollege Alois Mock, vermutlich auf Anregung des Österreichers, höchst öffentlichkeitswirksam den Eisernen Vorhang durch. Am 19. August 1989 fand in Sopron das "paneuropäische Frühstück" statt. Einen formellen Beschluss zum Grenzabbau gab es zunächst nicht, die Vorgänge wurden darüber hinaus als innere Angelegenheit Ungarns behandelt, eines Landes, dessen Bürger seit kurzem einen Anspruch auf die Ausstellung eines Reisepasses hatten und damit Reisefreiheit genossen.
Wo also ansetzen? Geschichte geschieht viel häufiger als sie "gemacht" wird, weshalb sich "Anfang" oder "Ende" der Umbrüche von 1989 denn auch kaum definieren lassen, lautet Oplatkas Quintessenz. Wer die stürmische Zeit erlebt hat, als der Eiserne Vorhang fiel, kann ihm da nur beipflichten.
Andreas Oplatka: Der erste Riss in der Mauer. September 1989 - Ungarn öffnet die Grenze. Zsolnay Verlag, 304 Seiten, 22,10 Euro.